Besetzung Staatssicherheit 4.12.1989

16 Dezember 2009 von Olaf Reis Keine Kommentare »

In meinem Tagebuch findet sich auch kein Eintrag, dafür gibt es noch ein paar Fotos, wenn ich die finde. Ich erinnere mich:

Gegen 17.00 uhr lief ich über den Weihnachtsmarkt, um in die Wendenstraße zu kommen. Vor dem Glühweinstand traf ich Rando und Fritz D., die mich anhielten und erzählten, dass heute abend die Stasizentrale dran wäre. Bis heute weiß ich nicht genau, ob schon von “Besetzen” die Rede war, aber nach Kavelsdorf lag das immerhn im Bereich des Denkbaren. Noch im Fortgehen rief ich Rando zu er solle seinen Fotoapparat mitnehmen (meine Kamera hatte kein Blitzlicht), denn heute würde – so es wahr wäre – wirklich Geschichte geschehen. Rando versprach, später dazuzukommen (die wenigen Fotos hat er gemacht). Für diesen Tag entschied ich mich also gegen das Verputzen meiner Küchenwand und traf Vorbereitungen, die darin bestanden, dass ich langes Unterzeug anlegte, mich auch sonst warm anzog (denn das Mahnen wurde schnell zum Kampf gegen die Kälte), um dann im “Klaufix” (einem Altstadtkonsum) vier Tüten Cashewkerne und zwei Flaschen Goldbrand zu kaufen. Alles versenkte ich in den herrlich riesigen Innentaschen meines tschechischen Fischgrätenmantels. Die Flaschen wurden später von den Gefährten “Revolutions-Öken” getauft. Dann eilte ich zur Bebelstraße, schon ängstlich etwas zu verpassen. Dort standen nur Maria Ortmann und ein paar andere Christen und versuchten, die Kerzen am Brennen zu halten. Irgendwie war die Situation noch nicht soweit, aber ein paar Cashewnüsse hoben die Stimmung, zumal dann immer mehr Leute kamen. Schließlich kamen Rando, Fritz und weitere Altstadtbewohner und nun wurde es eng. Sprechchöre wurden laut und Fäuste gegen ein Gebäude gereckt. Ingo Richter stieg auf die treppen und versuchte den Auflauf zu einer SPD-Veranstaltung umzudeuten. Er wurde erst ausgelacht, dann ausgepfiffen und räumte schließlich das Feld. Stattdessen kamen ARD und ZDF und es wurde hell von den Lampen. Schließlich wandte sich der Haufe gegen das Tor zum rückwärtigen Hof (wo hindurch man heute gehen muss wenn man in der Innenstadt Wattwürmer kaufen möchte). Dieses schwang unter dem rhythmischen Anlaufen schon stärker als die vordere Tür, was Mut machte. Ich musste in dem Gedränge ein wenig auf die Flaschen aufpassen, ließ mich jedoch, wie fast alle anderen, mitreißen. Noch während das Tor belagert wurde, rief jemand von der Seite so etwas wie “In Waldeck werden die Akten verbrannt! Hier ist nichts, wir müssen nach Waldeck.” Rando und ich gesellten uns zu dem Grüppchen, das den Außenposten stürmen sollte. Kai Sebastian Pelz fuhr uns im Auto seines Vaters da hinaus und dann stand dort – niemand. Der Posten blickte gelangweilt. Endlich kamen noch ein paar Leute, aber es blieben wenige (vielleicht 12 – 15?), und das machte es schwer, auf das KDL (Kontroll-Durchlass) zuzugehen. Der Revolutions-Öken kam das erste Mal zum Einsatz. Dann fanden sich Beherzte (ich nicht) und begehrten den OvD zu sprechen usw. Es wurde telefoniert, gewartet, geraucht, wieder telefoniert. Dann zogen sich die Aufrechten zur Beratung auf den Parkplatz zurück.Verstärkung kam nicht, offenbar waren alle in der Bebelstraße. Rando und ich schlenderten zum Posten und verwickelten ihn in ein Gespräch über Maßbänder, Tagesäcke, die Stasi und die NVA. Es stellte sich heraus, dass der Genosse nur noch wenige Wochen zu dienen hatte. Gerade als er sich mit dem zweiten Posten besprach kam ein Anruf von drinnen, das das Volk eingelassen werden dürfe. Irgendeine Anweisung von irgendeinem Oberstaatsanwalt. Der OvD wirkte überfordert, alleingelassen vom Staat; und schloss auf. In den Zimmern saßen Mitarbeiter, die nicht wussten was vor sich ging. Wortwechsel, kleine Ansprachen, Legitimationsformeln. Sie gingen dann nach Hause. Dann galt es das “Objekt bis zum Eintreffen der Sicherheitspartner” (der Polizei) zu sichern. Also wurden Posten organisiert, es wurde patroulliert und gesucht. Wo war das Heizhaus? Die Müdigkeit kam und die Flaschen wurden leer. Dann kam die Volkspolizei und fuhr uns nach Hause. Erst da stellten wir fest, dass wir kaum fotografiert hatten. Wozu das Banale ablichten? Oder Angst um den Fotoapparat? Immerhin gibt es ein Bild von halbverbrannten Aktendeckeln, ich muss es nur finden … Rando ist ist in El Salvador, vielleicht find ich es auch.

7.12.1989 1. DDR-Runder-Tisch (Donnerstag)

9 Dezember 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Auszug aus dem Tagebuch vom 7. 12. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“… Dann Endredaktion bei Gauck. Ich hielt mich raus und schrieb einen Text zur Demo bei Kronskamp. 15:30 Uhr fuhr ich mit Gauck und Dietlind nach Doberan. Autrum machte machte wieder die Leute heiß und bezweifelte die Indentität eines Modrowgesandten. 18 Uhr fuhren wir zurück. Nach einem kurzen Abendbrot bei Gauck fuhr ich zur Marienkirche und las die Fürbitte mit. Heute war wohl die bewegenste Andacht. Der Bericht über die Besetzung der Stasi und die Sympathieerklärung der VP – nach dem Segen standen die Leute einfach noch da – wir gehörten zusammen.
Und die Demo verlief echt gut – nicht mehr die “Wiedervereinigungshysterie”. Danach saßen wir bei Albrecht zusammen.
… Vielleicht bekomme ich als Sprecherratsmitglied ein Telefon.”
Ende des Tagebuchauszugs

In meinem Terminheft fand ich einen Eintrag zum Termin im Rat des Kreises Doberan am 7. 12. 1989 um 16 Uhr:
“Autrum: Mittwoch 6.12. 15:30 Uhr Telefonat mit Modrow / Ereignisse um Hohen Luckow – Stasi hat dort wieder die Macht / seit 13 Uhr ist überall ein persönlicher Vertreter Modrow zum Rat des Bezirks / Herr Jäne unterbreitet Vorschlag, der sich direkt auf …. / In Doberan wurde das Stasigebäude erneut von Stasi besetzt => erneute Sicherung durch Militärstaatsanwalt / 2 x VP  2 x NF + 1 Vertreter des MfS 4 Uhr / Niemann Ribnitz  (6Uhr) ruft Autrum an = Beratung auf Bezirksebene / 18 Uhr Gespräch mit Jäne 5.12. / Autrum erreicht Jäne im Rat des Bezirks 12 Uhr / Widerspruch: Jäne ist seit 5. 12. in Rostock, aber erst seit 6.12.  13Uhr im Auftrag Modrows unterwegs / Halbritter ist Beauftragter mit Autrum zu reden / 15.30-40 Gespräch mit Halbritter: Widerspruch zu Jäne
Jäne: 5. 12. kurz vor 12 Uhr Auftrag erhalten und fuhr nach Rostock (an 15:30 Uhr) / Bestätigung sollte nachgereicht werden / am 6. 12. wurde Beglaubigung nachgereicht / Mitarbeiter im Sekretariat des Ministerrates / Dienstausweis liegt vor
Gauck: akzeptierte sie als Modrowleute / Aktenvernichtung soll gestoppt werden”
Ende des Protokolls vom 7. 12. 1989

Erklärung:
Die Modrow-Übergangsregierung hatte Beauftragte in die Bezirke geschickt. Die Situation war kurz nach den ersten Stasibesetzungen überall sehr aufgeheizt und von großem Misstrauen geprägt.  Gerd Autrum, Mitglied des vorläufigen Koordinierungsrates des NEUEN FORUM aus Bad Doberan, glaubte  Widersprüche bei der Legitimation des Regierungsbauftragten festgestellt zu haben und wir fuhren aus Rostock nach Bad Doberan um diesen Streit zu schlichten. Interessant dabei die Bemerkungen zu den Stasiobjeten in Hohen Luckow und Bad Doberan – nach einer kurzen Öffnung hatte dort die Stasi wieder die Arbeit aufgenommen und ganz offensichtlich die Aktenvernichtung fortgesetzt.

Am 7. 12. 1989 fand auch der erste Runde Tisch auf DDR Ebene statt. Beim Republiksprecherrat am 2. 12. in Berlin (französische Kiche am Gandarmenmarkt) hatte das NF über die Frage diskutiert, ob wir durch die Teilnahme das Legitimationsdefizit der Übergangsregierung ausfüllen und damit eine schnelle Veränderung behindern.
In meiner Eintrag im Terminheft vom 2. 12. ist folgendes von dieser Vorbesprechung zum RT vermerkt:
“Rundtischgespräch am 7. 12. 89  14 Uhr (Bonhoefferhaus)
Teilnehmer treffen sich schon um 9:30 Uhr
Fork macht Eröfnung / NF erhält 3 Sitze – sonst nur 2 Sitze
Ev. Kirche / kath. Kirche
NDPD / CDU / LDPD / Krenz / Schabowski / Maleuda / Ziegler (wer läd ein)
6 x 2 Personen + 3 vom NF = 15
IfM / SDP / Demokratie Jetzt / DA / NF / vereinigte Linke / Grünes Netzwerk
4 Themen:
1. Artikel 1 + 3 außer Kraft
2. Offenlegung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage
3. rechtliche Beiehungen der beiden deutschen Staaten
4. Wahlvorbereitung (Termin)
(5.) Untersuchungsausschuß muß Arbeit wegen Infomangel (7./8.10.1989)
- Ausschussarbeit soll beginnen
- Büro für Opposition / festzulegender Umfang für Opposition in Zeitungen
- anschließend Hearing in einer Kirche
- Diskussion: gehen wir am 7.12. hin? – keine ist durch Wahlen legitimiert – Legitimationsdefizit darf nicht ausgefüllt werden
NF nimmt teil: Ingrid Köppen / Rainer Schuldt / Rolf Hendrich”
Ende des Auszugs

4.12.1989 Besetzung der Stasizentrale in Rostock (Montag)

4 Dezember 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

In meinem Tagebuch gibt es für diesen Tag keinen Eintrag.
Nach meiner Erinnerung kam ich am Nachmittag des 4. 12. aus Berlin  zurück. Mein erster Weg in Rostock führte mich zur Wohnung von Dr. Rainer Ohff, der damals in der Zelckstraße in der Steintorvorstadt wohnte. Dort sollte der Sprecherrat des NF tagen, aber an der Tür hing nur der Zettel “Bin bei der Stasizentrale”. Ich dachte sofort an eine Vorladung oder gar Verhaftung. Da die Stasizentrale auf dem Weg zur östlichen Altstadt lag, ging ich dort vorbei. Ein kleiner Trupp von vorwiegend jungen Leuten stand vor dem Eingang in der August-Bebel-Straße und hielt eine Mahnwache gegen die Aktenvernichtung ab. Ich kannte die meisten der Beteiligten und unterhielt mich auch kurz mit einigen. Aber es erschien mir etwas naiv, auf mit dieser Aktion die Aktenvernichtung in diesem großen Komplex stoppen zu wollen – eine Besetzung hielt ich für undenkbar. Außerdem war es ziemlich kühl und ich wollte endlich nach Hause. Das für mich unvorstellbare passierte dann in den nächsten Stunden und auch ich kenne davon nur die Berichte:

Am späten Abend kamen immer mehr Menschen zur Mahnwache und neue Gerüchte, über scheinbar belegte Aktenvernichtungen in Außenstellen, machten die Runde. Der Druck wuchs und ein Staatsanwalt wurde von den Protestierern herbeigerufen. Mit der der Volkspolizei wurde eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart. Die Stasi versuchte den Druck abzubauen und bat eine Abordnung in das Gebäude. Diese Abordnung verlangte den Stop der Aktenvernichtung und die Sicherung der vorhandenen Akten und begann mit der Versieglung der Räume. Der Staatsanwalt wurde aufgefordert, den Leiter der Bezirksverwaltung der Stasi zu verhaften. Originalton des Staatsanwalts zum zu Verhaftenden “Nehmen wir Dein Auto oder meins?”.
Später wurde auf Initiative des NF ein “Unabhängiger Untersuchungsauschuss” eingesetzt. Der in teilweise wechselnder Besetzung bis zum Oktober 1990 die Abwicklung der Stasi in Rostock betrieb und die Arbeitsweise der Stasi teilweise aufarbeitete und dokumentierte.

3. 12. 1989 eine Menschenkette durch die DDR (Sonntag)

3 Dezember 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Auszug aus dem Tagebuch vom 3.12.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Kurz vor 12 Uhr fuhr ich zur Schönhauser – die Menschenkette kam tatsächlich zustande. Weit über 1 Millionen Menschen müssen auf den Straßen gestanden haben.”
Ende des Auszugs

Erläuterung
Ich war am 3. 12. in Berlin und habe dort auf der Schönhauser Allee die Menschenkette durch die DDR erlebt.  Bis unmittelbar vor dem bekannt gemachten Zeitpunkt der Menschenkette, war von dieser nichts zu bemerken. Ich stand, wie viele andere, nur auf dem Geweg herum. Aber plötzlich gingen die Ersten auf die Straße und stellten sich hin und viele, viele folgten und fassten sich an den Händen an und brachten die Menschenkette zustande. Mich hat das damals sehr bewegt und ich hätte “uns” das auch nicht zugetraut. Die moderne Form einer solchen Aktion heißt heute Flasmop: unbekannte Menschen verabreden sich per SMS zu einer gemeinsamen öffentlichen Aktion.

30.11.1989 CDU Parteitag in Bremen (Donnerstag)

30 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Ich habe an diesem Tag kein Tagebuch geschrieben.
In einer Gruppe von mehreren Rostockern (NEUES FORUM und CDU-Mitglieder) waren wir nach Bremen aufgebrochen, um auf Einladung der Bremer CDU an ihrem Landeparteitag zur Deutschlandpolitk teilzunehmen. Zum ersten Mal habe ich auf diesem Partei die Aufkleber “Wir sind ein Volk” gesehen. Auch an den Vortagen in Rostock war es bei Veranstaltungen des NF nur noch um das Thema eigene Ideen contra Wiedervereinigung gegangen.

Die Atmosphäre auf dem CDU-Parteitag in Bremen dämpfte unsere sowie kaum vorhandene Euphorie weiter. Ich kann mich noch sehr gut an einen Redebeitrag eines älteren Herren auf diesem Parteitag erinnern, dem große Flächen in Thürigen gehörten und der diese vehement zurückforderte – selbst Bremer CDU-Mitgliedern schien dieser Redebeitrag eher peinlich zu sein. Die Idee zum Gegenantrag zum Leitantrag der CDU war mir spontan gekommen und ich habe ihn dann auch eingebracht. Wie nicht anders zu erwarten, fiel der Gegenantrag zwar durch, erschien dann aber im Weserkurier in voller Länge. Damals war Bremen noch eine unangefochtetene SPD-Hochburg und die CDU war seit vielen Jahrszenten ohne jede Chance auf eine Regierungsbeteiligung – auch das hat sich geändert.
Artikel aus dem Weserkurier über den 30.11.1989 (vom2. 12. 1989)

Bremer CDU Parteitag

Bremer CDU Parteitag

25. 11. 1989 Abschaffung der Armee (Samstag)

25 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Auszug aus dem Tagebuch vom 25. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Ab 10 Uhr war ich bei der Bezirkssprecherversammlung. Von uns waren nur Christoph, Dietlind und Romy da. Meine Befürchtungen wegen des Aufrufs zur Abschaffung der Armee waren leider richtig. Viele fanden ihn naiv und regten sich darüber auf, daß das NF Rostock darüber stand. Mit den Leuten aus Grevesmühlen fuhr ich mit und trank bei einem Kaffee, der mich dann mitsamt  seiner Familie nach Lübeck fuhr. Über einen Pfarrer bekam ich dann die Adresse von Reetzens. Mit Malte aß ich Abendbrot und fuhr durch die Stadt.  Nun ist es 2:28 Uhr und ich sitze als Letzter vor dem Fernseher. Malte hat heute Geburtstag.”

Ende des Tagebuchauszugs

Erklärung:
Axel Peters und Rainer Ohff hatten die Initiative zur Abschaffung der Armee losgetreten. Wenige Jahre zuvor (1986?) war eine Volksabstimmung in der Schweiz gelaufen, die auch dieses Ziel für die Schweiz verfolgt hatte und dort gescheitert war.
Meinen Besuch in Lübeck und den Geburtstag von Malte (einem Verwandten von mir) habe ich zitiert, weil ich mich sehr gut an die Zusammensetzung seiner Geburtstagsgäste erinnern kann. Dass für mich damals absolut Erstaunliche:  zukünftige Zivildienstleistende und zukünftige längerdienende Bundeswehrsoldaten feierten gemeinsam. Im Osten sortierten sich an dieser Frage  die Freundekreise: Wehrdiensverweigerer, Bausoldaten und Grundwehrdienstleistende konnten noch miteinander gut umgehen. Aber 3 Jahre als Unteroffizier zur NVA zu gehen oder als Offisziersanwärter auf Zeit (4 Jahre)  bedeuteten in der Regel den Bruch der Freundschaft.

Leserbrief von Dr. Rainer Ohff und Axel Peters in der NNN vom 2./3. 12.1989

Leserbrief "Zunkunft ohne Militär?"

Leserbrief "Zunkunft ohne Militär?"

24. 11. 1989 Ausländerfeindlichkeit (Freitag)

25 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Auszug aus dem Tagebuch vom 24. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Draußen war alles verschneit und taute auch nicht weg.
Mit Frauke Lietz aß ich mIttag. Dann begann ich mit einer großen Wäsche bei Johanna und fuhr danach nochmal kurz in die Stadt. Die Verkäuferinnen unterhielten sich begeistert über die neuen Bestimmungen, die den DDR-Ausverkauf verhindern sollen. Die Ausländerfeindlichkeit ist beschähmend und tut richtig weh, wenn ich an den letzten Sommer im gastfreunldichen Polen denke.
In der Petrikirche trafen sich die Ökokreise Rostocks. Am Abend die gute Nachricht, daß die Parteiführung in der CSSR zurückgetreten ist.”
Ende des Auszugs

Erklärung:
Mit den offenen Grenzen verschärften sich natürlich auch die wirtschaftlichen Probleme der DDR. Die ganz unterschiedlichen Preissysteme von Ost und West prallten nun wieder wie vor dem Mauerbau 1961 aufeinander. Es gab damit ökonomisch keine Chance mehr für die DDR. Die “Ausverkaufproblematik” war der offensichtliche Anlaß für Bestimmungen, um diese einzudämmen. In der Bevölkerung wurden damals vor allem die Polen als Schwarzmarkthändler erlebt und  für das Versagen des Wirtschaftsystems der DDR mitverantworlich gemacht. Diese polenfeindliche Stimmung haben wir damals sogar in den Andachten erlebt, wenn es zu positiven Aussagen über das Engagement der Polen vereinzelte Unmutsäußerungen von Zuhörern gab.

21.11.1989 Gespräch NEUES FORUM mit Oberbürgermeister (Dienstag)

23 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Am 21. 11. 1989 fand ein Gespräch zwischen dem Sprecherrat des NEUEN FORUM und dem Rostocker Oberbürgermeister statt. Im Buch “Der Norden wacht auf” von Lothar Probst steht für den 20.11.1989 der folgende Eintrag: “Im “Demokrat” fordert das NEUE FORUM Rostock Foren mit Verantwortlichen vom Ministerium für Staatssicherheit, von der Nationalen Volksarmee und vom Ministerium des Inneren in Rostock”.
In meinen Aufzeichnungen fand ich eine Art Kurzprotokoll vom Gespräch des NF mit dem OB:

“21.11.89 / 19 Uhr  / Rathaus
Rat der Stadt:                OB Schleif, Dr. Bölkow (Stellvertreter), Hahmann (Stadteile), Volker Jans (Sprecher des Rates der Stadt)
NEUES FORUM:        Kay Trottnow, Conny Kühn , Harald Terpe, Frau Luciga, Johann-Georg Jaeger
OB: Anerkennung des NF Rostock?
Antwort Harald Terpe: überregionale Anerkennung – Berlin/DDR
OB: Wer gehört zum Sprecherrat?
Wir: Aprechpartner: Harlad, Ohff, Dietlind (da Telefon)
OB: Ansprechpartner: Bölkow / freute sich über die Teilnahme an der Stadtverordnetenversammlung / Gruppenmitarbeit
Conny: Frage nach der Aufteilung der Themen (Trinkwasser/Abwasser) / Gruppe zum Alkoholproblem fehlt
JG: Regenerative Energiequellen
OB: Frage nach der Strukutr in der Stadt / Anzahl der Basigruppen
weitere Punkte:
- Artikel 1 muss klar geändert werden
- Staatssicherheit 1. Kontrollkommission 2. neues Gebäude (wesentlich kleiner)
- Zeitung OZ – ihr Artikel – keine Gegendarstellung
- 2.12.89: Haus der Gewerkschaften,  Karl-Marx-Platz, Hafenplatz
- Kreisdelegiertenkoferenz
- Vorschlag bis morgen Abend an Bölow
- Presseamt bei Vorsitzendes beim Ministerat
- Haus der Armee
- Leiter der Außenstellen des Rates der Stadt will Räume zur Verfügung stellen
- DFD Kreisvorstand / FDJ-Bezirksleitung / FDGB-Kreis”

Erläuterung:
Für den 2. 12. 1989 wurde eine Demonstration des NEUEN FORUM und anderer Gruppen unter dem Motto “Rostock, bleibt wachsam organisiert!”. In dem Treffen beim OB wurde nach meiner Erinnerung ein Ort für eine Kundgebung gesucht.
In der Stadtverorndetenversammlung am 6.11. hatte das NF das Haus der Armee (Ständehaus) als Arbeiträume für das NF gefordert. Auch darüber bzw. Alternativen wurde mit dem OB geredet.
Am späten Abend des 21. 11. traf sichd ann der fast vollständige Sprecherrat bei Harald Terpe. Für die Demo “Rostocker, bleibt wach!” am 2. 12. wurde die NF Kundgebung für 14 Uhr auf dem Platz vor dem Haus der Gewerkschaften (Beginn der Langen Straße) festgelegt. Es sollte eine Erklärung der Solidarität mit den Völkern Rumäniens und der CSR durch Christoph Kleemann geschrieben werden.
Harald Terpe hatte mit Schorlemmer telefoniert und die Menschenkette am 3.12. durch die DDR besprochen. Die Strecke von Rostock bis Laage wollten wir füllen und Busse und den Autoverkehr organisieren.

18.11.1989 Gruppensprechenvollversammlung (Samstag)

18 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Dieses Wortungetüm “Gruppensprechervollversammlung” sagt viel: eigentlich ist es ein Treffen von Delegierten, wird aber basisdemokratisch zur Vollversammlung umformuliert. Das NEUE FOURM wollte basisdemokratisch organsiert sein, eine Mitgliedervollversammlung hätte aber alle Beteiligten überfordert.
Im Folgenden zwei Dokumente:
Ich habe am 18.11. 89 ein Protokoll geschrieben, dass ich hier abgeschrieben (meine Schrift kann niemand lesen) wiedergebe.

Als zweites Dokument der Stasibericht Bericht über den 18.11., der auf Grundlage der Aussagen eines IMS “Toni” entstanden ist. Leider fehlen Seiten. Sehr interessant sind der Hinweis auf den “Linken Schülerbund” (waren vom NF enttäuscht), der Hinweis auf geplante Luftmessungen durch Greenpeace, Westgeld einzusammeln um Computer zu kaufen, der diskutierte Ausschluss von SED-Funktioären aus dem NF, der Hinweis auf den Arbeitseinsatz des NF am Schröderplatz, die Aufregung um das Auftreten von 2 Grünen bei einer Hauptversammlung in Berlin, die Menschenkette durch die DDR am 3.12.89 und die “ewige Frage” ob “Partei oder Bürgerbewegung”.

Protokoll von 1989:
Sonnabend 18.11.89 10 Uhr Gustav-Adolf-Saal
Gruppensprechervollversammlung
*Dietlind Glüer Tagesordnung vorgestellt
- Zwoch (Südstadt);  ehemalige Regierungsvertreter? / Altenpfleger / Statistik Löhne und Gehälter (Arbeiter – Offiziere) / Gästehaus des Bezirkes / Haus der Gewerkschaften / Meldeordnung abschaffen
- Hansaviertel Vertreter: Partei – Neuwahl / zum diskussionspapier / Reformbewegungen einen / NF Dachverband / Umgang mit Listen / Räume der Nationalen Front
- Michael Rath: keine ehemlaigen Parteifunktionäre für das NF / Hauskreise sind nicht wirksam => größere Einheiten (Michaeliskirche Mi 17 Uhr)
- Basisgruppe Südstadt: Südstadttreffen im Berghotel
- Frau Rother: Stasiuntersuchungskommission
- Pfützner: Gewerkschaft gründen
- Tom Ogilvi: Statut sonst Ende
- Schwann: Macht der provinz / Flugplatz Kronkamp / Jointventure – Position  zu erarbeiten
- Zusammenarbeit mit SED und NDPD
- Dose: Gremien beim Rat der Stadt / fundiertes Auftreten
- Arbeitsgruppe Ökologie: Hannes Ochmann Kabelstraße 2
- Körber (Bildungsgruppe)
- Dietlind verabschiedet sich 11 Uhr (zur Gemeindearbeit)
- Demoqualitiät erhöhen
- kein Austausch mit dem Sprecherrat möglich
- Berliner Initiative erweist uns Bärendienst
- Sprecherrat tut nichts?
- Kontaktvorschlag: Kontanktadressen Mi 18:30 – 19:00 Uhr
Ende des Protokolls vom 18. 11. 1989

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 1

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 1

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 3

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 3

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 4

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 4

17.11.1989 “Das gelobte Land” (Freitag)

17 November 2009 von Johann-Georg Jaeger Keine Kommentare »

Für den 16.11. 1989, an dem wieder die Andachten stattfanden und die anschließende Demo durch Rostock zog, steht in meinem Tagebuch nur der Satz “Zum ersten Mal las ich bei keiner Andacht mit”. Auf der Demonstration habe ich mich mit einer guten Freundin für den nächsten Tag zu einer Fahrt mit der Fähre nach Dänemark verabredet.
Frühmorgens am 17.11. brachen wir mit der S-Bahn und Fahrrädern zur Fähre nach Warnemünde auf. Auf Fußgänger und Radfahrer war man auf dort  nicht eingestellt und so kamen wir ohne Tickets auf die Fähre, die gegen 4 Uhr abfuhr. Nach zwei Stunden Überfahrt kamen wir am Hafen Gedser an. Wir hatten keine Ahnung, wie klein Gedser war und dass es dort keinen richtigen Aufenthaltsraum zum Aufwärmen gab. Als endlich der erste kleine Laden öffente, konnten wir uns etwas zum Frühstück kaufen. Die dänischen Ladenbesitzer luden uns zu einem kleinen Frühstück ein und haben sich mit uns über die Grenzöffnung gefreut.
Das Wetter war ungewöhnlich schön für den Monat November. In den Häusern gab es keine Gardinen, an allen wichtigen Straßen Radwege und überall Windkraftanlagen – irgendwie erschien mir das alles wie das “gelobte Land”.  Für mich war Dänemark eine realexistierende gesellschaftliche Perspektive. Später  gab es auch unterschiedliche Arten der Unterstüzung aus Dänemark. Das Folkecenter, das sich mit regenerativen Energien beschäftigt,  schickte zum Beispiel einen Mitarbeiter, der erste Standortvorschläge für Windkraftanlagen an der Ostseeküste unterbreitete.