In meinem Tagebuch gibt es für diesen Tag keinen Eintrag.
Nach meiner Erinnerung kam ich am Nachmittag des 4. 12. aus Berlin zurück. Mein erster Weg in Rostock führte mich zur Wohnung von Dr. Rainer Ohff, der damals in der Zelckstraße in der Steintorvorstadt wohnte. Dort sollte der Sprecherrat des NF tagen, aber an der Tür hing nur der Zettel “Bin bei der Stasizentrale”. Ich dachte sofort an eine Vorladung oder gar Verhaftung. Da die Stasizentrale auf dem Weg zur östlichen Altstadt lag, ging ich dort vorbei. Ein kleiner Trupp von vorwiegend jungen Leuten stand vor dem Eingang in der August-Bebel-Straße und hielt eine Mahnwache gegen die Aktenvernichtung ab. Ich kannte die meisten der Beteiligten und unterhielt mich auch kurz mit einigen. Aber es erschien mir etwas naiv, auf mit dieser Aktion die Aktenvernichtung in diesem großen Komplex stoppen zu wollen – eine Besetzung hielt ich für undenkbar. Außerdem war es ziemlich kühl und ich wollte endlich nach Hause. Das für mich unvorstellbare passierte dann in den nächsten Stunden und auch ich kenne davon nur die Berichte:
Am späten Abend kamen immer mehr Menschen zur Mahnwache und neue Gerüchte, über scheinbar belegte Aktenvernichtungen in Außenstellen, machten die Runde. Der Druck wuchs und ein Staatsanwalt wurde von den Protestierern herbeigerufen. Mit der der Volkspolizei wurde eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart. Die Stasi versuchte den Druck abzubauen und bat eine Abordnung in das Gebäude. Diese Abordnung verlangte den Stop der Aktenvernichtung und die Sicherung der vorhandenen Akten und begann mit der Versieglung der Räume. Der Staatsanwalt wurde aufgefordert, den Leiter der Bezirksverwaltung der Stasi zu verhaften. Originalton des Staatsanwalts zum zu Verhaftenden “Nehmen wir Dein Auto oder meins?”.
Später wurde auf Initiative des NF ein “Unabhängiger Untersuchungsauschuss” eingesetzt. Der in teilweise wechselnder Besetzung bis zum Oktober 1990 die Abwicklung der Stasi in Rostock betrieb und die Arbeitsweise der Stasi teilweise aufarbeitete und dokumentierte.