Auszug aus dem Tagebuch vom 7. 12. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“… Dann Endredaktion bei Gauck. Ich hielt mich raus und schrieb einen Text zur Demo bei Kronskamp. 15:30 Uhr fuhr ich mit Gauck und Dietlind nach Doberan. Autrum machte machte wieder die Leute heiß und bezweifelte die Indentität eines Modrowgesandten. 18 Uhr fuhren wir zurück. Nach einem kurzen Abendbrot bei Gauck fuhr ich zur Marienkirche und las die Fürbitte mit. Heute war wohl die bewegenste Andacht. Der Bericht über die Besetzung der Stasi und die Sympathieerklärung der VP – nach dem Segen standen die Leute einfach noch da – wir gehörten zusammen.
Und die Demo verlief echt gut – nicht mehr die “Wiedervereinigungshysterie”. Danach saßen wir bei Albrecht zusammen.
… Vielleicht bekomme ich als Sprecherratsmitglied ein Telefon.”
Ende des Tagebuchauszugs
In meinem Terminheft fand ich einen Eintrag zum Termin im Rat des Kreises Doberan am 7. 12. 1989 um 16 Uhr:
“Autrum: Mittwoch 6.12. 15:30 Uhr Telefonat mit Modrow / Ereignisse um Hohen Luckow – Stasi hat dort wieder die Macht / seit 13 Uhr ist überall ein persönlicher Vertreter Modrow zum Rat des Bezirks / Herr Jäne unterbreitet Vorschlag, der sich direkt auf …. / In Doberan wurde das Stasigebäude erneut von Stasi besetzt => erneute Sicherung durch Militärstaatsanwalt / 2 x VP 2 x NF + 1 Vertreter des MfS 4 Uhr / Niemann Ribnitz (6Uhr) ruft Autrum an = Beratung auf Bezirksebene / 18 Uhr Gespräch mit Jäne 5.12. / Autrum erreicht Jäne im Rat des Bezirks 12 Uhr / Widerspruch: Jäne ist seit 5. 12. in Rostock, aber erst seit 6.12. 13Uhr im Auftrag Modrows unterwegs / Halbritter ist Beauftragter mit Autrum zu reden / 15.30-40 Gespräch mit Halbritter: Widerspruch zu Jäne
Jäne: 5. 12. kurz vor 12 Uhr Auftrag erhalten und fuhr nach Rostock (an 15:30 Uhr) / Bestätigung sollte nachgereicht werden / am 6. 12. wurde Beglaubigung nachgereicht / Mitarbeiter im Sekretariat des Ministerrates / Dienstausweis liegt vor
Gauck: akzeptierte sie als Modrowleute / Aktenvernichtung soll gestoppt werden”
Ende des Protokolls vom 7. 12. 1989
Erklärung:
Die Modrow-Übergangsregierung hatte Beauftragte in die Bezirke geschickt. Die Situation war kurz nach den ersten Stasibesetzungen überall sehr aufgeheizt und von großem Misstrauen geprägt. Gerd Autrum, Mitglied des vorläufigen Koordinierungsrates des NEUEN FORUM aus Bad Doberan, glaubte Widersprüche bei der Legitimation des Regierungsbauftragten festgestellt zu haben und wir fuhren aus Rostock nach Bad Doberan um diesen Streit zu schlichten. Interessant dabei die Bemerkungen zu den Stasiobjeten in Hohen Luckow und Bad Doberan – nach einer kurzen Öffnung hatte dort die Stasi wieder die Arbeit aufgenommen und ganz offensichtlich die Aktenvernichtung fortgesetzt.
Am 7. 12. 1989 fand auch der erste Runde Tisch auf DDR Ebene statt. Beim Republiksprecherrat am 2. 12. in Berlin (französische Kiche am Gandarmenmarkt) hatte das NF über die Frage diskutiert, ob wir durch die Teilnahme das Legitimationsdefizit der Übergangsregierung ausfüllen und damit eine schnelle Veränderung behindern.
In meiner Eintrag im Terminheft vom 2. 12. ist folgendes von dieser Vorbesprechung zum RT vermerkt:
“Rundtischgespräch am 7. 12. 89 14 Uhr (Bonhoefferhaus)
Teilnehmer treffen sich schon um 9:30 Uhr
Fork macht Eröfnung / NF erhält 3 Sitze – sonst nur 2 Sitze
Ev. Kirche / kath. Kirche
NDPD / CDU / LDPD / Krenz / Schabowski / Maleuda / Ziegler (wer läd ein)
6 x 2 Personen + 3 vom NF = 15
IfM / SDP / Demokratie Jetzt / DA / NF / vereinigte Linke / Grünes Netzwerk
4 Themen:
1. Artikel 1 + 3 außer Kraft
2. Offenlegung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage
3. rechtliche Beiehungen der beiden deutschen Staaten
4. Wahlvorbereitung (Termin)
(5.) Untersuchungsausschuß muß Arbeit wegen Infomangel (7./8.10.1989)
- Ausschussarbeit soll beginnen
- Büro für Opposition / festzulegender Umfang für Opposition in Zeitungen
- anschließend Hearing in einer Kirche
- Diskussion: gehen wir am 7.12. hin? – keine ist durch Wahlen legitimiert – Legitimationsdefizit darf nicht ausgefüllt werden
NF nimmt teil: Ingrid Köppen / Rainer Schuldt / Rolf Hendrich”
Ende des Auszugs