In meinem Tagebuch findet sich auch kein Eintrag, dafür gibt es noch ein paar Fotos, wenn ich die finde. Ich erinnere mich:
Gegen 17.00 uhr lief ich über den Weihnachtsmarkt, um in die Wendenstraße zu kommen. Vor dem Glühweinstand traf ich Rando und Fritz D., die mich anhielten und erzählten, dass heute abend die Stasizentrale dran wäre. Bis heute weiß ich nicht genau, ob schon von “Besetzen” die Rede war, aber nach Kavelsdorf lag das immerhn im Bereich des Denkbaren. Noch im Fortgehen rief ich Rando zu er solle seinen Fotoapparat mitnehmen (meine Kamera hatte kein Blitzlicht), denn heute würde – so es wahr wäre – wirklich Geschichte geschehen. Rando versprach, später dazuzukommen (die wenigen Fotos hat er gemacht). Für diesen Tag entschied ich mich also gegen das Verputzen meiner Küchenwand und traf Vorbereitungen, die darin bestanden, dass ich langes Unterzeug anlegte, mich auch sonst warm anzog (denn das Mahnen wurde schnell zum Kampf gegen die Kälte), um dann im “Klaufix” (einem Altstadtkonsum) vier Tüten Cashewkerne und zwei Flaschen Goldbrand zu kaufen. Alles versenkte ich in den herrlich riesigen Innentaschen meines tschechischen Fischgrätenmantels. Die Flaschen wurden später von den Gefährten “Revolutions-Öken” getauft. Dann eilte ich zur Bebelstraße, schon ängstlich etwas zu verpassen. Dort standen nur Maria Ortmann und ein paar andere Christen und versuchten, die Kerzen am Brennen zu halten. Irgendwie war die Situation noch nicht soweit, aber ein paar Cashewnüsse hoben die Stimmung, zumal dann immer mehr Leute kamen. Schließlich kamen Rando, Fritz und weitere Altstadtbewohner und nun wurde es eng. Sprechchöre wurden laut und Fäuste gegen ein Gebäude gereckt. Ingo Richter stieg auf die treppen und versuchte den Auflauf zu einer SPD-Veranstaltung umzudeuten. Er wurde erst ausgelacht, dann ausgepfiffen und räumte schließlich das Feld. Stattdessen kamen ARD und ZDF und es wurde hell von den Lampen. Schließlich wandte sich der Haufe gegen das Tor zum rückwärtigen Hof (wo hindurch man heute gehen muss wenn man in der Innenstadt Wattwürmer kaufen möchte). Dieses schwang unter dem rhythmischen Anlaufen schon stärker als die vordere Tür, was Mut machte. Ich musste in dem Gedränge ein wenig auf die Flaschen aufpassen, ließ mich jedoch, wie fast alle anderen, mitreißen. Noch während das Tor belagert wurde, rief jemand von der Seite so etwas wie “In Waldeck werden die Akten verbrannt! Hier ist nichts, wir müssen nach Waldeck.” Rando und ich gesellten uns zu dem Grüppchen, das den Außenposten stürmen sollte. Kai Sebastian Pelz fuhr uns im Auto seines Vaters da hinaus und dann stand dort – niemand. Der Posten blickte gelangweilt. Endlich kamen noch ein paar Leute, aber es blieben wenige (vielleicht 12 – 15?), und das machte es schwer, auf das KDL (Kontroll-Durchlass) zuzugehen. Der Revolutions-Öken kam das erste Mal zum Einsatz. Dann fanden sich Beherzte (ich nicht) und begehrten den OvD zu sprechen usw. Es wurde telefoniert, gewartet, geraucht, wieder telefoniert. Dann zogen sich die Aufrechten zur Beratung auf den Parkplatz zurück.Verstärkung kam nicht, offenbar waren alle in der Bebelstraße. Rando und ich schlenderten zum Posten und verwickelten ihn in ein Gespräch über Maßbänder, Tagesäcke, die Stasi und die NVA. Es stellte sich heraus, dass der Genosse nur noch wenige Wochen zu dienen hatte. Gerade als er sich mit dem zweiten Posten besprach kam ein Anruf von drinnen, das das Volk eingelassen werden dürfe. Irgendeine Anweisung von irgendeinem Oberstaatsanwalt. Der OvD wirkte überfordert, alleingelassen vom Staat; und schloss auf. In den Zimmern saßen Mitarbeiter, die nicht wussten was vor sich ging. Wortwechsel, kleine Ansprachen, Legitimationsformeln. Sie gingen dann nach Hause. Dann galt es das “Objekt bis zum Eintreffen der Sicherheitspartner” (der Polizei) zu sichern. Also wurden Posten organisiert, es wurde patroulliert und gesucht. Wo war das Heizhaus? Die Müdigkeit kam und die Flaschen wurden leer. Dann kam die Volkspolizei und fuhr uns nach Hause. Erst da stellten wir fest, dass wir kaum fotografiert hatten. Wozu das Banale ablichten? Oder Angst um den Fotoapparat? Immerhin gibt es ein Bild von halbverbrannten Aktendeckeln, ich muss es nur finden … Rando ist ist in El Salvador, vielleicht find ich es auch.