Am 30.10.1989 fand im Rathaus das zweite Gespräch mit dem Oberbürgermeister statt. Daran teil nahmen der OB Hennig Schleif, Vertreter des Rates, des Bezirkes, der Leiter des Volkspolizeikreisamtes, Vertreter der evangelischen Kirche und des vorläufigen Koordinierungsrates des NEUEN FORUM, zum dem auch ich gehörte. Thema war wieder die Sicherung der Gewaltlosigkeit bei künftigen Demonstrationen in Rostock. Auch bei diesem Gespräch wurde von mir das Problem der Stasiwachposten in Uniform vor dem Gebäude in der August-Bebel-Straße angesprochen. Über das Gespräch wurde in der Zeitung am folgenden Tag berichtet. Die Redakteure in den Zeitungen nutzen zunehmend ihren vorhandenen Spielraum. Eine Folge dieser beginnenden Pressefreiheit war, dass die Tageszeitungen nun nicht mehr selbstverständlich zu jeder Uhrzeit am Kiosk zu kaufen waren, sondern immer häufiger ausverkauft waren.
Im Buch “Der Norden wacht auf” von Lothar Probst ist für den 30.10. 1989 vermerkt, dass das NEUE FORUM Rostock ein Strategiepapier veröffentlichte. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass darin der Begriff der “sozialistischen Marktwirtschaft” auftauchte und von der deutschen Einheit selbstverständlich noch nicht die Rede war.
Archiv für Oktober 2009
30.10.1989 zweites Gespräch mit OB (Montag)
30 Oktober 200928.10.1989 Stasi vor der August-Bebel-Straße (Samstag)
28 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 28. 10. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Ich wollte gerade nach Neukirchen zur Apfelernte fahren, als mich jemand vom Rat der Stadt für 14 Uhr einlud. Ich sagte ab und fuhr dann doch noch auf dem Weg nach Neukirchen vorbei, um einem Stellvertreter des OB noch zu sagen, daß die Stasi sich nicht vor ihr Gebäude stellen soll – sonst ein aufgeschlossenes Gespräch.”
Ende des Auszugs
Erläuterung:
Es mutet heute schon fast “mittelalterlich” an, daß Gesprächseinladungen per Bote überbracht werden – ich hatte kein Telefon und per Post hätte es mehrere Tage gedauert.
An das Gespräch habe ich keine Erinnerungen mehr. Am 30. 10. fand ein offzielles Gespräch mit der Stadt statt, bei dem ich die Froderung auf Abzug der Stasi vor der Augsut-Bebel-Straße wiederholt habe.
Auch an diesem Samstag fand eine große Demonstration in Rostock statt. Demonstrationen gab jetzt in Rostock also regelmäßig am Donnerstag nach den Andachten und am Samstag.
Über die angehängte Anzeige aus der NNN (irgendwann kurz vor dem 22.10.1989 geschaltet) konnten wir damals nur mit Galgenhumor lachen. Durch die Botschaftsflüchlinge in Prag im September war im Oktober auch die Tschechoslowakai als letztes ausländisches Reiseziel verbaut.
Das zweite Dokument ist ein Bericht über die Demonstration am 28. 10.1989 (NNN vom 30.10.1989), bei der sich der Oberbürgermeister Dr. Schleiff den Demonstaten stellte. Er kündigt ein Treffen unter anderem mit Vertretern des NEUEN F ORUM amkommenden Montag (30.10.) an.
27.10.1989 NF Partei oder Bürgerbewegung? (Freitag)
27 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 27.10.1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Vergeblich fuhr ich zu Ohff zum 15 Uhr Termin und bekam dort mit, daß wir auf 19 Uhr verlegt hatten. So besuchte ich Enoch und fuhr dann um 19 Uhr wieder zu Ohff.
Wir stritten uns im Strategiekreis, aber die “Parteileute” konnten sich gegenüber den Leuten von der “unabhänggen Bürgervertretung” nicht durchsetzen. Ohff diskutierte schief, aber wahrscheinlich taktisch klug, da er für die Partei sprach, all die Leute auf sich zog und dann zur unabhägigen Bürgervertretung abschwenkte. Solidarnoc war Vorbild für uns: als Gewerkschaft begonnen – heute in der Regierung.”
Ende des Tagebuchauszug
Erläuterung:
Eigentlich unglaublich, dass diese Diskussion “Partei oder unabhängige Bürgerbewegung” schon 16 Tage nach der Rostocker Gründungsveranstaltung eine Rolle spielte. Erst in diesem Jahr 2009 hat diese Diskussion für die Mehrheit in Wählerinnengruppen Bündnis 90 ein Ende gefunden und damit den Weg in Rostock frei gemacht, um auch auf kommunaler Ebene als Partei Bündnis 90 / Die Grünen anzutreten.
26.10.1989 faktische Anerkennung des NEUEN FORUM (Donnerstag)
26 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 26. 10. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Wichtig war das Vortreffen um 13 Uhr. Wir steckten unsere Forderungen ab und beschlossen die Erklärung von Axel Peters und mir.
Gegen 11 Uhr war jemand vom Rat der Stadt dagewesen, der mich für 13 Uhr ins Rathaus einladen wollte. Dort tauchten dann als Vertreter des NF Irene Kopp und H.-P. Werner auf.
Das Gespräch mit Timm war an sich ein Erfolg. Er hatte sich natürlich um jede konkrete Zusage oder Stellungnahme herumgewunden. Trotzdem hatten wir ein gutes Gefühl, weil wir es geschafft hatten, die Erklärung zu den Inhaftierten mit in die Pressemitteilung hineinzunehmen.
Wir schrieben bei mir noch die Erklärung zu den Andachten.
Ab 19 Uhr saß ich dann in der total überfüllten Marienkirche. Gauck bewährte sich als Volksredner.
Die Demo war sehr ruhig – ich stand mit Lothar Jentzsch am Rand. Vor der Stasi stand ich dann bis zum Schluß mit Schnur, um die Menschen etwas zu beruhigen.
Danach saßen wir alle noch zusammen. Ich war total erfüllt von diesem Tag.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Die Gespräche beim Oberbürgermeister und beim Bezirkssekretär der SED an diesem Tag stellten die faktische Anerkennung des NEUEN FORUM in Rostock dar – uns war das auch damals bewußt. Bis dahin war mit der Opposition nur über die Kirchenvertreter verhandelt worden.
Beim Oberbürgermeister kamen Vertreter des Rates der Stadt, der Volkspolizei, der evangelischen und der ev. -methodistischen Kirche und des NEUNE FORUM zusammen. Es ging vor allem um den gewaltfreien Ablauf der erwarteten Demo am Abend nach den Andachten.
Um das Gebäude der Staatsicheit und die davor postierten Bewacher in Uniform vor Übergriffen bei der Demo am Abend zu schützen, standen allerdings nicht nur Schnur und ich davor, sondern verschiedene Leute von den Kirchen und auch vom NEUEN FORUM. Schnur, der damals einer der wichtigsten Rechtsanwälte war, der auch Oppositionelle verteidigte, wurde am diesem Abend in heftigen Diskussionen von Demonstranten der Mitarbeit bei der Stasiverdächtig, weil man ihn für einen zivilen Bewachen hielt (ich hatte zum Beispiel einen Anstecker des NEUEN FORUM an der Jacke). RA Schnur stand an diesem Abend auf unserer Seite, wurde dann aber im Frühjahr 1990 als IM mit einer sehr umfangreichen Akte enttarnt.
Am Gespräch mit dem 1. Sekretär der SED Bezirksleitung, Ernst Timm, nahmen vom NF Gerd Autrum, Andreas Lichtenstein, Helmut Papendiek, Axel Peters und ich teil. Auf SED Seite waren noch Ulrich Peck (1. Sekretär der SED Kreisleitung und ein Herr Brennführer (verantwortlich für Kirchenfrage) teil.
Es wurde vereinbart, dass es ein Protokoll und eine Pressemitteilung über dieses Gespräch geben sollte. Das Protokoll wurde dann aber nie geschrieben und es gab in der folge darüber einen heftigen Streit mit der SED Bezirksleitung. Am Ende wurde uns das Steno-Wortprotokoll übergeben, dass aber keiner Entziffern konnte.
Das Gespräch fand in der Bezirksleitung statt, den heutigen Räumen des Sozialamtes in der St. -Georg-Straße. Bei der Verabschiedung bedankte ich mich bei Herrn Brennführer für den Tee. Seine Antwort: “Ach, sie haben Tee getrunken?! Dann wissen wir ja wieder etwas mehr über sie!”
Angehängt habe ich außerdem drei Dokumente der Stasi vom 26. 10. 1989, die die Informationsbeschaffung der Stasi beleuchten.
Im ersten Dokument berichtet offenbar ein Stasimitarbeiter am 26. 10. über Informationen, die er in einem Gespräch mit der Freundin eines Stasikollegen gewonnen hat.
Das zweite Dokument ist ein Teil eines Berichtes eines IMB “Kerstin Müller”.
Das Dritte Dokument ist ein Bericht über die Erkenntnisse der Stasi zu den Strukturen des NF in Rostock vom 26. 10. 1989.
25. 10. 1989 Infoveranstaltung des NEUEN FORUM (Mittwoch)
25 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 25. 10. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Bei der Infoveranstaltung in der Michaeliskirche wurde dem NF das Gesprächsangebot von Ernst Timm überbracht, das wir dann auch annahmen.
Ab 19 Uhr saßen wir dann nochmal kurz beisammen und machten ein Vortreffen bei mir um 13 Uhr aus.
Ziemlich müde fuhr ich dann noch bei Gauck vorbei – Dietlind und Gaucks Frau waren da. Noch abends schrieb ich eine Erklärung des vorläufigen Koordinierungsrates des NF zu den Inhaftierten, in der alle uns bekannten Namen aufgeführt sind.”
Ende des Tagebucheintrags
Erläuterung:
Der Termin Mittwoch ab 15 Uhr in der Michaeliskirche hatte sich als Infoveranstaltung schon fest eingebürgert. Heute hat jeder ein Telefon oder Handy und kann sich über das Internet informieren – der Besitz eines normalen Telefons war damals etwas sehr besonderes. Wer aktuelle Informationen brauchte, war auf diese Infoveranstaltungen richtig angewiesen, da in der Zeitung praktisch keine relevanten Informationen standen und die Westmedien nicht aus der Region oder gar aus Rostock berichteten.
Wie uns an diesem Tag die Botschaft von Ernst Timm, dem Bezirkssekretär der SED erreichte, weiß ich nicht mehr. Aber dem Tagebucheintrag kann man entnehmen, dass die Annahme des Gesprächsangebotes umstritten war. Wir befürchteten eine “Umarmung” und sahen den von uns geforderten öffentlichen Dialog mit der Staatsmacht gefährdet. Uns hatten aber konkrete Namen von Rostocker Inhaftierten erreicht – zum Teil saßen sie wegen “Republikflucht”. In dem von mir an diesem Abend geschriebenen Brief , den wir Ernst Timm am nächsten Tag übergeben wollten, tauchten nach meiner Erinnerung zwischen 4 und 6 Namen auf. Mit der Übergabe dieses Briefes wollten wir den Versuch unternehmen, konkret etwas für diese uns unbekannten Gefangenen zu tun und gleichzeitig war dieser Brief auch intern eine Rechtfertigung gegen den Vorwurf, überhaupt mit dem Bezirkssekretär in einem nichtöffentlichen Kreis zu reden.
Zu den drei angehängten Dokumenten:
Der Maßnahmeplan der Stasi vom 25. 10. 1989 zum NF in Rostock umfasst 5 Seiten.
Dann eine Aufstellung der konkreten Maßnahmen zu Johann-Georg Jaeger (25.-28.10.89)
Ein stasiinternes Dokument von 1988, dass nach der Besetzung der Stasi gefunden wurde und viel Heiterkeit auslöste.
geschwärzt wurde auf Seite 1: OPK “Reuter” Pastor
geschwärzt wurde:
erster Anstrich: unbekannt
zweiter Anstrich:” KOOP, Irma, Katechetin” / im ersten Satz “ist die Koop aufzuklären”
dritter Anstrich: “JÄGER und PAPENDICK”
23. 10. 1989 der Volkskammerabgeordnete (Montag)
23 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch von 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“… Um 18 Uhr kamen wir vom NF in der Michaeliskirche zusammen und ab 20.30 saß ich mit in der Andachtsvorbereitung für Donnerstag. Erfolglos war ich mit der Verlegung der Andachten auf Montag zur Aufteilung der Sicherheitsorgane.”
Ende des Auszugs
Erläuterung
Woher die Idee der Andachtsverlegung auf Montag kam, kann ich nicht mehr sagen. Ich kann mich nur noch an die Argumente dafür erinnern. Auch wenn am 9. 10. in Leipzig die große Demo friedlich und ohne Eingreifen der Polizei und Stasi verlaufen war, waren Ende Oktober die “Sicherheitsorgane” noch klare Gegner der Demonstranten. Erst später gab es Sicherheitspatenschaften mit der Volkspolizei. Für die Verlegung auf Montag sprach die Information, dass auch Polizisten aus dem Bezirk Rostock in Berlin und Leipzig eingesetzt worden waren. Wenn alle Demonstrationen am Montag gelaufen wären, dann hätte sich die “Sicherheitsorgane” aufteilen müssen. Gegen die Zusammenlegung sprach allerdings, dass dann nur der Montag ein Demotag gewesen wäre und der Rest der Woche in den Medien nicht vorgekommen wäre.
Über die Republikebene des NEUEN FORUM waren alle Mitglieder des NF aufgefordert worden, mit den Volkskammerabgeordneten vor Ort über die bevorstehende Wahl von Egon Krenz zu reden. Sie sollten gegen Egon Krenz stimmen, um eine wirkliche Erneuerung zu ermöglichen.
An diesem Montag hatte ich eine Vorlesung in Kirchengeschichte bei Prof. Gerd Wendelborn, der selbst Volkskammerabgeordneter war. Im Anschluss an die Vorlesung habe ich versucht, mit ihm über die Wahl von Egon Krenz zu diskutieren. Eine wirkliche Diskussion kam nicht zu stande und mein Vorstoß war damit gescheitert. In meinem Tagebuch habe ich davon nichts aufgeschrieben und ich hätte diese Diskussion auch komplett vergessen.
Im angefügten Dokument der Staatssicherheit hat die Stasi noch am 23. 10. den Bericht des IMS “Heinz Graf” verschriftlicht. Die Stasi schlußfolgerte, “daß zwischen dem Lehrkörper der Sektion Theologie und den Studenten Einvernehmen bezogen auf die politische Lage sowie den notwendigen Aktivitäten” bestand. Trotz mancher schwieriger Diskussion habe ich das auch so erlebt. Das ist keine selbstverständliche Aussage, weil durch das spätere Votum der Ehrenkommission mehrere Professoren der Theologischen Sektion wegen zu großer Systemnähe oder IM Tätigkeit entlassen wurden. Gerd Wendelborn wurde wegen zu großer Systemnähe entlassen. Erst sehr viel später stellte sich heraus, dass er der IMS “Heinz Graf” war.
20. 10. 1989 eine West-Sicht (Freitag)
20 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 20. 10. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Ich trampte gegen 14 Uhr nach Kirch Mummendorf – machte richtig Spaß. Gegen 17 Uhr kam ich dort an. Bis auf Siegfried waren allen gekommen. Nach einem Abendprogramm – es gab viele heiße Diskussionendarüber, ob die Reformen bei uns nicht den “Osten” destabilisieren und die Kriegsgefahr schüren – machte die Jungend einen Abendspaziergang.
… Karoline und ich sahen dann unser erstes Nordlicht.”
Ende des Tagebucheintrags.
Erläuterung:
Seit vielen Jahren gab es schon das jährliche Familentreffen mit der Westverwandtschaft – so auch 1989 in einen kirchlichen Rüstzeitheim in Kirch Mummendorf in der Nähe von Grevesmühlen. Die Verwandschaft aus dem Osten kam aus Dresden, Leipzig, Berlin, Nordhausen und Rostock. Wir erzählten begeistert von den Erlebnissen der letzten Tage und unseren Hoffnungen. Unsere Westverwandten hatten uns in all den zurückliegen Jahren sehr unterstützt und wir erwarten, dass sie genau so begeistert seien würden wie wir. Die Sicht der Mehrheit der Westverwandschaft aus Gütersloh und Braunschweig war aber eher eine andere. Sie setzten ganz auf die Reformen von Oben durch Michael Gorbatschow. Sie fanden es gefährlich naiv, wie wir die offensichtliche Schwäche des Systems für Veränderungen nutzen wollten. Sie befürchteten nicht nur die Niederschlagung der Reformbewegung von Unten in der DDR, sondern damit auch das Kippen der Reformbemühungen von Gorbatschow. Die befürchteten Folgen waren für sie das erneute Durchsetzen der Kalten Krieger im Osten und damit sogar das Anwachsen der Kriegsgefahr zwischen den Blöcken.
Die Befürchtungen waren nicht von der Hand zu weisen, aber es war für uns nicht mehr vorstellbar, einfach nur auf Gorbi zu warten und auf die Einsicht der SED zu hoffen.
Ich habe in meinem Leben nur zweimal ein Nordlicht gesehen – beide im Herbst 1989 (20.10. und 17.11.).
Der angehängte Text ist eine interne Personenauskunft der Staatsicherheit zu meiner Person. Darin enthalten ist ein Bericht der Stasi zur Andacht und zur Demo am 19. 10., die offensichtlich am 20.10. geschrieben wurde.Wenn in diesem Bericht steht, dass die Andachten “von Gauck bzw. Jaeger durchgeführt /geleitet” wurden, dann ist das für meine Person eine deutliche Übertreibung, weil ich nur Teil einer größeren Gruppe war. Auf dieses Problem der Übertreibung stößt man in Stasiakten häufiger. Die für eine bestimmte Person verantwortlichen Stasimitarbeiten konnten damit natürlich auch die Wichtigkeit ihrer Arbeit herausstellen, weil sie damit untermauerten, dass sie an der “richtigen” Person dran waren.
Ein weiteres Dokument vom 20. 10.1989. Es wurde von der Abteilung M, also der Postabteilung, geschrieben. Gleich unter den ersten drei Anstrichen taucht Nathan Frank aus. Nathan der Weise und Anne Frank standen für diesen Namen Pate, der für NF, also das NEUE FORUM stehen sollte. Ein toter Briefkasten im Haus von Irene Kopp, Bei der Nikolaikirche 7, war die erste “öffentliche” Kontaktadresse des NF in Rostock.
19. 10. 1989 Dritte Fürbittandacht und erste Demo (Donnerstag)
19 Oktober 2009Beginn des Auszugs aus dem Tagebuch von 1989 (Johann-Georg Jaeger)
Donnerstag 19. 10. 1989
“Ich schlief aus. Volker ermahnte mich beim ST Seminar zu mehr Arbeit an der Theologie – er kann das sagen, weil er politisches Engagement und Theologie gut nebeneinander laufen lassen kann.
Bis kurz vor 19 Uhr schrieb ich an der Information zum NEUEN FORUM und brachte sie zur Marienkirche. Marienkirche u. Petrikirche waren dann total überfüllt. Gaucks Predigt war sehr gut und direkt ca. 10.000 Menschen kamen zu den Andachten. Wir sammelten über 14.000 Mark ein, mit diesem Geld sollten Leute mit Geldstrafen unterstützt werden. Ein Kontaktbüro wurde auch eröffnet. Danach begann die Gebetskette – eine herrliche Ruhe und Stille. Draußen hörte man die Sprechchöre der Demo.
Bei Kisten trafen wir dann auf Gauck und Lothar, die begeistert von der Demo erzählten.
…”
Ende des Auszugs aus dem Tagebuch
Erläuterungen:
Ab der 3. Fürbittandacht wurden mehrere Kirchen einbezogen. Es wurde eine Predigt geschrieben, die in allen Kirchen (es kamen weitere hinzu) verlesen wurde. Die Angabe von 10.000 Teilnehmern scheint sehr hoch und beruhte auch nur auf sehr wagen Schätzungen. Aber alleine in die Marienkirche gingen ca. 5.000 Menschen.
Im Anschluss an die Andacht fand die erste große Rostocker Demonstration um die Innenstadt herum statt. Der Demoroutenverlauf wurde in der Andacht bekannt gegeben. Übrigens hatte es schon in der Woche zuvor den Versuch einer Demonstration von ca. 20 Schülern um Jochen Langer auf dem Neuen Markt gegeben, der aber sofort unterbunden wurde.
18.10.1989 Rücktritt von Erich Honecker (Mittwoch)
18 Oktober 2009Auszug aus dem Tagebuch vom 18.10. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“… Dann die NEUE FORUM-Sitzung des provisorischen Koordinierungskreises. Ich mußte zwischendurch zum praktische-Theologie -Seminar und Helmut nutzte dann die Zeit, um sein Konzept von den Stadtkreiskontaktadressen durchzusetzen. Dieses System ist gut, weil es Arbeit wegdelegiert, aber da nicht mal wir bei unseren Koordinierungsplänen richtige Einigkeit erreichen, dürften es diese Kontaktadressen nicht viel leichter haben.
Um 16 Uhr machten wir im Raum der Infostelle eine Diskussion zum NF. Es ging immerzu zwischen Demo und Hauskreisen hin-und-her (zu blöd, da es doch ganz einfach “und” statt oder heißen muß).
Ich war total müde als ich zur Vorbereitungsgruppe bei Änne stieß. Alles war schon fertig und es ging nur noch um neue Fürbitten. Und so bitten sie nun Gott um Mißtrauen, als ob wir davon nicht schon genug hätten. Der Grund: Honni wurde heute durch den jungen Hardliner Egon Krenz ersetzt = vom Regen in die Traufe. Leute wie Mielke bleiben.
… Bei den Andachten kommen nun mehr die Extremeren zum Zug. Die Zusammenarbeit mit Lohse war richtig angenehm.
Fühle mich eigentlich fast hoffnungslos und freue mich auf die Gebetswoche und hoffe, daß davon wirklich eine große Kraft und Ruhe auch für mich ausgeht.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Seit der Gründung des Neuen Forums in Rostock am 11. 10. gab es einen “provisorischen Koordinierungskreis”, der nicht durch eine Wahl legitimiert worden war sondern auf Zuruf gebildet wurde. Die erste Wahl des Koordinierungsrates fand dann am 4. 11. im Gustav-Adolf-Saal der Petrikirche statt.
Die Hauskreise erinnerten etwas an das Konzpt von Bibelkreisen. Maximal 15 Personen trafen sich in einer privaten Wohnung. Nur Hauskreise mit einem festen Thema (z.B. “Innen und Recht” oder “Umwelt”) trafen sich regelmäßig und über längere Zeit und erarbeiteten Konzepte.
Der Rücktritt von Erich Honecker rief keinen Jubel hervor, weil der Nachfolger Egon Krenz mit seinen Äußerungen zum Massaker auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” am 4. Juni 1989 als Hardliner galt. Er hatte die ‘”Niederschlagung der Konterrevolution” im Neuen Deutschland begrüßt.
Aus dem Tagebuch kann man durchaus die sich entwickelnden Spannungen herauslesen. Das NEUE FORUM ist als Gesprächsplattform angetreten und entwickelt sich zu einer unter mehreren Oppositionsgruppen. Es sollte ursprünglich ein Angebot für alle Menschen der Gesellschaft sein. Mit der Erarbeitung eines Programms und konkreter Forderungen werden aber auch Positionen ausgeschlossen. Die Fürbittandachten setzen genau auf das ursprüngliche Konzept des NF und lassen auch andere Gruppen (z.B. SDP) zu Wort kommen.
13. 10. 1989 der Chefredakteur (Freitag)
13 Oktober 2009Auf der Gründungsveranstaltung des NEUEN FORUM am 11. 10. in der Michaeliskirche hatte sich auch der Chefredateur der OZ zu Wort gemeldet. Dabei war er in eine Diskussion über Pressefreiheit verwickelt worden. Er erklärte am Ende dieser Diskussion, er habe kein Problem über die Veranstaltung in der Michaeliskirche zu berichten.
Am 13. Oktober erschien in der OZ der nachfolgend dokumentierte Artikel. Im vorletzten Absatz dann der nur Eingeweihten verständliche Hinweis auf die Veranstaltung.


















