Aus dem Tagebuch vom 10.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Gegen 15 Uhr kam ich endlich los. Auf dem Weg zur Bushaltestelle begegneten mir schon die ersten begeisterten DDR-Bürger mit ihren Visa. Ich trampte mit einem Auto bis Berlin und hörte die Rede von Momper – war echt bewegend.
Bei Anne traf ich auf Karoline, meine Mutter, Friederike und Thomas. Sie waren gerade in Aufbruchsstimmung und so kam ich mit nach West-Berlin. Die Stimmung beim Grenzübertritt war einfach unbeschreiblich. Auf dem Kurfürstendamm waren Unmengen von Menschen utnerwegs. Karoline und meine Mutter fuhren eher zurück. Zu dritt gaben wir eine kanadischen Zeitung ein Interview – auf Englisch! In einem türkischen Restaurant spendierte der Türke uns die Getränke. Riesen Stimmung auf der Mauer. In Ostberlin Ruhe, sauber, menschenleer. Gegen 2 Uhr kamen wir wieder bei Anne an (sie ist zur Zeit in Halle). Es war ein historischer Tag und ich war froh, daß ich dabei sein konnte. Getrübt nur durch den Gedanken an Susanne Jordan, die heute ihre Mutter beerdigt hat.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Vor den Amtstuben der Volkspolizei bildeten sich an diesem Tag auch in Rostock lange Schlangen. Direkt in die hinteren Seiten des Personalausweises wurde das Visum gestempelt. Ich hatte noch kurz überlegt, aber beim Anblick der endlosen Schlange in der Ernst-Barlach-Straße das Vorhaben aufgegeben.
Ich fuhr nicht nach Berlin, um mir die Ereignisse um den Mauerfall anzuschauen, sondern weil der Republiksprecherrat des NEUEN FORUM am Sonnabend tagen sollte. Dass ich meine Mutter und meine beiden Schwestern in Berlin bei Anne Herdin traf, war reiner Zufall. Meine Mutter war 1961 unmittelbar vor dem Mauerbau in Schottland mit einer Freundin unterwegs gewesen. In genau den Tagen ihres Urlaubs wurde die Mauer gebaut und sie überquerte die Grenze von West nach Ost nach dem 13. 8.1961. Ihre Brüder aus dem Westen konnten sie damals davon nicht abhalten, weil sie meinen Vater schon kannte. Mit ihr über die Grenze an der Bornholmer Straße zu gehen war einfach unbeschreiblich. Es gab keine Grenzkontrollen – ich brauchte jedenfalls kein Visum in meinem Personalausweis. Und was mich vor allem tief beeindruckt hat: es kamen uns Massen von strahlenden DDR-Bürgern mit Plastetüten entgegen – sie blieben also nicht alle, wie befürchtet, im Westen.
“Riesenstimmung auf der Mauer”: Nur am Brandenburger Tor bestand die Mauer aus übereinandergelegten Betonplatten und war deshalb ca. 2 m breit. Und auf der Mauer gab es fast keinen Platz. Auf der DDR-Seite standen Grenztruppen und Wasserwerfer, die auch zum Einsatz kamen.
Durch die Dokumentationen in diesen Tagen habe ich mich auch wieder an die Befürchtungen vor der großen Demo am 4.11. erinnnert. Künstler hatten aufgerufen und weit über 100.000 Menschen waren zur dieser genehmigten Demonstration gekommen. Die große Sorge war, ob sich diese Massen dann Richtung Grenze / Brandenburger Tor in Bewegung setzen und den Druchbruch an diesem Tag versuchen – zum Glück ist das nicht passiert.