Archiv für November 2009

30.11.1989 CDU Parteitag in Bremen (Donnerstag)

30 November 2009

Ich habe an diesem Tag kein Tagebuch geschrieben.
In einer Gruppe von mehreren Rostockern (NEUES FORUM und CDU-Mitglieder) waren wir nach Bremen aufgebrochen, um auf Einladung der Bremer CDU an ihrem Landeparteitag zur Deutschlandpolitk teilzunehmen. Zum ersten Mal habe ich auf diesem Partei die Aufkleber “Wir sind ein Volk” gesehen. Auch an den Vortagen in Rostock war es bei Veranstaltungen des NF nur noch um das Thema eigene Ideen contra Wiedervereinigung gegangen.

Die Atmosphäre auf dem CDU-Parteitag in Bremen dämpfte unsere sowie kaum vorhandene Euphorie weiter. Ich kann mich noch sehr gut an einen Redebeitrag eines älteren Herren auf diesem Parteitag erinnern, dem große Flächen in Thürigen gehörten und der diese vehement zurückforderte – selbst Bremer CDU-Mitgliedern schien dieser Redebeitrag eher peinlich zu sein. Die Idee zum Gegenantrag zum Leitantrag der CDU war mir spontan gekommen und ich habe ihn dann auch eingebracht. Wie nicht anders zu erwarten, fiel der Gegenantrag zwar durch, erschien dann aber im Weserkurier in voller Länge. Damals war Bremen noch eine unangefochtetene SPD-Hochburg und die CDU war seit vielen Jahrszenten ohne jede Chance auf eine Regierungsbeteiligung – auch das hat sich geändert.
Artikel aus dem Weserkurier über den 30.11.1989 (vom2. 12. 1989)

Bremer CDU Parteitag

Bremer CDU Parteitag

25. 11. 1989 Abschaffung der Armee (Samstag)

25 November 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 25. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Ab 10 Uhr war ich bei der Bezirkssprecherversammlung. Von uns waren nur Christoph, Dietlind und Romy da. Meine Befürchtungen wegen des Aufrufs zur Abschaffung der Armee waren leider richtig. Viele fanden ihn naiv und regten sich darüber auf, daß das NF Rostock darüber stand. Mit den Leuten aus Grevesmühlen fuhr ich mit und trank bei einem Kaffee, der mich dann mitsamt  seiner Familie nach Lübeck fuhr. Über einen Pfarrer bekam ich dann die Adresse von Reetzens. Mit Malte aß ich Abendbrot und fuhr durch die Stadt.  Nun ist es 2:28 Uhr und ich sitze als Letzter vor dem Fernseher. Malte hat heute Geburtstag.”

Ende des Tagebuchauszugs

Erklärung:
Axel Peters und Rainer Ohff hatten die Initiative zur Abschaffung der Armee losgetreten. Wenige Jahre zuvor (1986?) war eine Volksabstimmung in der Schweiz gelaufen, die auch dieses Ziel für die Schweiz verfolgt hatte und dort gescheitert war.
Meinen Besuch in Lübeck und den Geburtstag von Malte (einem Verwandten von mir) habe ich zitiert, weil ich mich sehr gut an die Zusammensetzung seiner Geburtstagsgäste erinnern kann. Dass für mich damals absolut Erstaunliche:  zukünftige Zivildienstleistende und zukünftige längerdienende Bundeswehrsoldaten feierten gemeinsam. Im Osten sortierten sich an dieser Frage  die Freundekreise: Wehrdiensverweigerer, Bausoldaten und Grundwehrdienstleistende konnten noch miteinander gut umgehen. Aber 3 Jahre als Unteroffizier zur NVA zu gehen oder als Offisziersanwärter auf Zeit (4 Jahre)  bedeuteten in der Regel den Bruch der Freundschaft.

Leserbrief von Dr. Rainer Ohff und Axel Peters in der NNN vom 2./3. 12.1989

Leserbrief "Zunkunft ohne Militär?"

Leserbrief "Zunkunft ohne Militär?"

24. 11. 1989 Ausländerfeindlichkeit (Freitag)

25 November 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 24. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Draußen war alles verschneit und taute auch nicht weg.
Mit Frauke Lietz aß ich mIttag. Dann begann ich mit einer großen Wäsche bei Johanna und fuhr danach nochmal kurz in die Stadt. Die Verkäuferinnen unterhielten sich begeistert über die neuen Bestimmungen, die den DDR-Ausverkauf verhindern sollen. Die Ausländerfeindlichkeit ist beschähmend und tut richtig weh, wenn ich an den letzten Sommer im gastfreunldichen Polen denke.
In der Petrikirche trafen sich die Ökokreise Rostocks. Am Abend die gute Nachricht, daß die Parteiführung in der CSSR zurückgetreten ist.”
Ende des Auszugs

Erklärung:
Mit den offenen Grenzen verschärften sich natürlich auch die wirtschaftlichen Probleme der DDR. Die ganz unterschiedlichen Preissysteme von Ost und West prallten nun wieder wie vor dem Mauerbau 1961 aufeinander. Es gab damit ökonomisch keine Chance mehr für die DDR. Die “Ausverkaufproblematik” war der offensichtliche Anlaß für Bestimmungen, um diese einzudämmen. In der Bevölkerung wurden damals vor allem die Polen als Schwarzmarkthändler erlebt und  für das Versagen des Wirtschaftsystems der DDR mitverantworlich gemacht. Diese polenfeindliche Stimmung haben wir damals sogar in den Andachten erlebt, wenn es zu positiven Aussagen über das Engagement der Polen vereinzelte Unmutsäußerungen von Zuhörern gab.

21.11.1989 Gespräch NEUES FORUM mit Oberbürgermeister (Dienstag)

23 November 2009

Am 21. 11. 1989 fand ein Gespräch zwischen dem Sprecherrat des NEUEN FORUM und dem Rostocker Oberbürgermeister statt. Im Buch “Der Norden wacht auf” von Lothar Probst steht für den 20.11.1989 der folgende Eintrag: “Im “Demokrat” fordert das NEUE FORUM Rostock Foren mit Verantwortlichen vom Ministerium für Staatssicherheit, von der Nationalen Volksarmee und vom Ministerium des Inneren in Rostock”.
In meinen Aufzeichnungen fand ich eine Art Kurzprotokoll vom Gespräch des NF mit dem OB:

“21.11.89 / 19 Uhr  / Rathaus
Rat der Stadt:                OB Schleif, Dr. Bölkow (Stellvertreter), Hahmann (Stadteile), Volker Jans (Sprecher des Rates der Stadt)
NEUES FORUM:        Kay Trottnow, Conny Kühn , Harald Terpe, Frau Luciga, Johann-Georg Jaeger
OB: Anerkennung des NF Rostock?
Antwort Harald Terpe: überregionale Anerkennung – Berlin/DDR
OB: Wer gehört zum Sprecherrat?
Wir: Aprechpartner: Harlad, Ohff, Dietlind (da Telefon)
OB: Ansprechpartner: Bölkow / freute sich über die Teilnahme an der Stadtverordnetenversammlung / Gruppenmitarbeit
Conny: Frage nach der Aufteilung der Themen (Trinkwasser/Abwasser) / Gruppe zum Alkoholproblem fehlt
JG: Regenerative Energiequellen
OB: Frage nach der Strukutr in der Stadt / Anzahl der Basigruppen
weitere Punkte:
- Artikel 1 muss klar geändert werden
- Staatssicherheit 1. Kontrollkommission 2. neues Gebäude (wesentlich kleiner)
- Zeitung OZ – ihr Artikel – keine Gegendarstellung
- 2.12.89: Haus der Gewerkschaften,  Karl-Marx-Platz, Hafenplatz
- Kreisdelegiertenkoferenz
- Vorschlag bis morgen Abend an Bölow
- Presseamt bei Vorsitzendes beim Ministerat
- Haus der Armee
- Leiter der Außenstellen des Rates der Stadt will Räume zur Verfügung stellen
- DFD Kreisvorstand / FDJ-Bezirksleitung / FDGB-Kreis”

Erläuterung:
Für den 2. 12. 1989 wurde eine Demonstration des NEUEN FORUM und anderer Gruppen unter dem Motto “Rostock, bleibt wachsam organisiert!”. In dem Treffen beim OB wurde nach meiner Erinnerung ein Ort für eine Kundgebung gesucht.
In der Stadtverorndetenversammlung am 6.11. hatte das NF das Haus der Armee (Ständehaus) als Arbeiträume für das NF gefordert. Auch darüber bzw. Alternativen wurde mit dem OB geredet.
Am späten Abend des 21. 11. traf sichd ann der fast vollständige Sprecherrat bei Harald Terpe. Für die Demo “Rostocker, bleibt wach!” am 2. 12. wurde die NF Kundgebung für 14 Uhr auf dem Platz vor dem Haus der Gewerkschaften (Beginn der Langen Straße) festgelegt. Es sollte eine Erklärung der Solidarität mit den Völkern Rumäniens und der CSR durch Christoph Kleemann geschrieben werden.
Harald Terpe hatte mit Schorlemmer telefoniert und die Menschenkette am 3.12. durch die DDR besprochen. Die Strecke von Rostock bis Laage wollten wir füllen und Busse und den Autoverkehr organisieren.

18.11.1989 Gruppensprechenvollversammlung (Samstag)

18 November 2009

Dieses Wortungetüm “Gruppensprechervollversammlung” sagt viel: eigentlich ist es ein Treffen von Delegierten, wird aber basisdemokratisch zur Vollversammlung umformuliert. Das NEUE FOURM wollte basisdemokratisch organsiert sein, eine Mitgliedervollversammlung hätte aber alle Beteiligten überfordert.
Im Folgenden zwei Dokumente:
Ich habe am 18.11. 89 ein Protokoll geschrieben, dass ich hier abgeschrieben (meine Schrift kann niemand lesen) wiedergebe.

Als zweites Dokument der Stasibericht Bericht über den 18.11., der auf Grundlage der Aussagen eines IMS “Toni” entstanden ist. Leider fehlen Seiten. Sehr interessant sind der Hinweis auf den “Linken Schülerbund” (waren vom NF enttäuscht), der Hinweis auf geplante Luftmessungen durch Greenpeace, Westgeld einzusammeln um Computer zu kaufen, der diskutierte Ausschluss von SED-Funktioären aus dem NF, der Hinweis auf den Arbeitseinsatz des NF am Schröderplatz, die Aufregung um das Auftreten von 2 Grünen bei einer Hauptversammlung in Berlin, die Menschenkette durch die DDR am 3.12.89 und die “ewige Frage” ob “Partei oder Bürgerbewegung”.

Protokoll von 1989:
Sonnabend 18.11.89 10 Uhr Gustav-Adolf-Saal
Gruppensprechervollversammlung
*Dietlind Glüer Tagesordnung vorgestellt
- Zwoch (Südstadt);  ehemalige Regierungsvertreter? / Altenpfleger / Statistik Löhne und Gehälter (Arbeiter – Offiziere) / Gästehaus des Bezirkes / Haus der Gewerkschaften / Meldeordnung abschaffen
- Hansaviertel Vertreter: Partei – Neuwahl / zum diskussionspapier / Reformbewegungen einen / NF Dachverband / Umgang mit Listen / Räume der Nationalen Front
- Michael Rath: keine ehemlaigen Parteifunktionäre für das NF / Hauskreise sind nicht wirksam => größere Einheiten (Michaeliskirche Mi 17 Uhr)
- Basisgruppe Südstadt: Südstadttreffen im Berghotel
- Frau Rother: Stasiuntersuchungskommission
- Pfützner: Gewerkschaft gründen
- Tom Ogilvi: Statut sonst Ende
- Schwann: Macht der provinz / Flugplatz Kronkamp / Jointventure – Position  zu erarbeiten
- Zusammenarbeit mit SED und NDPD
- Dose: Gremien beim Rat der Stadt / fundiertes Auftreten
- Arbeitsgruppe Ökologie: Hannes Ochmann Kabelstraße 2
- Körber (Bildungsgruppe)
- Dietlind verabschiedet sich 11 Uhr (zur Gemeindearbeit)
- Demoqualitiät erhöhen
- kein Austausch mit dem Sprecherrat möglich
- Berliner Initiative erweist uns Bärendienst
- Sprecherrat tut nichts?
- Kontaktvorschlag: Kontanktadressen Mi 18:30 – 19:00 Uhr
Ende des Protokolls vom 18. 11. 1989

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 1

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 1

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 3

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 3

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 4

18.11.1989 Gruppensprechervollversammlung NF Seite 4

17.11.1989 “Das gelobte Land” (Freitag)

17 November 2009

Für den 16.11. 1989, an dem wieder die Andachten stattfanden und die anschließende Demo durch Rostock zog, steht in meinem Tagebuch nur der Satz “Zum ersten Mal las ich bei keiner Andacht mit”. Auf der Demonstration habe ich mich mit einer guten Freundin für den nächsten Tag zu einer Fahrt mit der Fähre nach Dänemark verabredet.
Frühmorgens am 17.11. brachen wir mit der S-Bahn und Fahrrädern zur Fähre nach Warnemünde auf. Auf Fußgänger und Radfahrer war man auf dort  nicht eingestellt und so kamen wir ohne Tickets auf die Fähre, die gegen 4 Uhr abfuhr. Nach zwei Stunden Überfahrt kamen wir am Hafen Gedser an. Wir hatten keine Ahnung, wie klein Gedser war und dass es dort keinen richtigen Aufenthaltsraum zum Aufwärmen gab. Als endlich der erste kleine Laden öffente, konnten wir uns etwas zum Frühstück kaufen. Die dänischen Ladenbesitzer luden uns zu einem kleinen Frühstück ein und haben sich mit uns über die Grenzöffnung gefreut.
Das Wetter war ungewöhnlich schön für den Monat November. In den Häusern gab es keine Gardinen, an allen wichtigen Straßen Radwege und überall Windkraftanlagen – irgendwie erschien mir das alles wie das “gelobte Land”.  Für mich war Dänemark eine realexistierende gesellschaftliche Perspektive. Später  gab es auch unterschiedliche Arten der Unterstüzung aus Dänemark. Das Folkecenter, das sich mit regenerativen Energien beschäftigt,  schickte zum Beispiel einen Mitarbeiter, der erste Standortvorschläge für Windkraftanlagen an der Ostseeküste unterbreitete.

14. 11. 1989 Kirche und Politik (Dienstag)

16 November 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 14. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Gegen 9 Uhr stand ich auf und sitze nun wieder im PT-Seminar und schreibe Tagebuch. Es ist wirklich die einzige ruhige Stunde in der Woche.
Die Kirche hat vor, ihre politische Arbeit abzugeben – Krise auch in meiner Verbundenheit zur Kirche => Frage auch nach meinem Studium, dem ich zur Zeit sowieso nicht gerecht werde.
Die ökologische Gesellschaft von der ich träume scheint unerreichbar, bleibt aber letztlich der einzige Weg, wenn wir dem Müll-Konsum-Rausch in der der DDR entgehen wollen.”
Ende des Auszugs

Erläuterung:
Das Kirche politisch ist, war für mich vollkommen selbstverständlich. Dies war auch nicht das Vorrecht der evangelischen Kirchen, sondern selbstverständlich auch innerhalb der katholischen Kirche ein Thema. Die Arbeit der “Bekennenden Kirche” in der Zeit des Nationalsozialismus, die “Theologie der Befreiung” in Mittel- und Südamerika und nicht zuletzt das konkrete Eingreifen der katholischen Kiche in Polen waren für mich positive Vorbilder kirchlichen Engagements. Beim Kichentag 1988 in Rostock sprach Helmut Schmidt in der Marienkirche. Sein Satz “mit der Bergpredigt kann man keinen Staat regieren” hat damals heftige Diskussionen ausgelöst. Wirklich geärgert hat mich aber, als er seine Rede in der Marienkirche mit der Aussage begann, von der Kanzel dürfe keine Politik gemacht werden. Für Politik gab es in der DDR aber praktisch fast keinen anderen Freiraum als die Kirchen.
Spätestens nach dem 9. 11. wurde Politik wieder eine öffentliche Angelegenheit und die Kirchen konnten sich wieder auf “ihre eigentliche Aufgabe/Angelegenheit” zurückziehen. Sehr viele Theologinnen und Theologen sind damals in die Politik gegangen und haben ihren Beruf als Pastorin oder Pfarrer aufgegeben. Natürlich bedeutete dies keinen Bruch mit der Kirche und war ein Aufbruch in die Möglichkeiten der neuen Freiheit – aber es blieb auch ein Abschied von einer politischen Kirche, die so nicht mehr notwendig war.

12.11.1989 Begrüßungsgeld (Sonntag)

12 November 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 12.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Ich wachte gegen 12.30 Uhr auf – alle waren schon weg – und fuhr nach Westberlin. Vor allem war ich mit dem Abholen des Begrüungsgeldes beschäftigt. Gegen 18 Uhr fuhr ich über die Friedrichstraße (an der Mauer gewesen) mit der S-Bahn nach Karow.”
Ende des Auszugs

Erläuterung:
Ich war am 12. 11. immernoch in Berlin. In Westberlin war die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel für DDR-Bürger kostenlos und die Verkehrsmittel fast überall total überfüllt. Als Begrüßungsgeld gab es einmalig 100 DM. Die Bundesregierung hatte diese Regelung schon seit Jahren für Besucher aus dem Osten eingeführt. Das Begrüßungsgeld gab  es maximal einmal pro Jahr gab. Ich bin mir selbst nicht mehr sicher, ob die Auszahlungsstelle einen Stempel in den Ausweis drückte – auf jeden Fall gab es leider bald immer häufiger den Mißbrauch dieser Regelung, da ein neuer Personalausweis immernoch weit billiger als 100 DM war.
Vielleicht ein paar Beispiele, um den Wert von 100 DM einschätzen zu können: Als sehr gut bezahlter Arbeiter am Fließband der IFA-Motorenwerke in Nordhausen konnte man über 900 DDR-Mark pro Monat verdienen, ein Pfarrer bekam 650 DDR-Mark und als Student bekam  man 200 DDR-Mark pro Monat.  Als fairer inoffizieller Umtauschkurs galt 4 DDR-Mark = 1 DM. Wer auf der Straße tauschte musste im Herbst 10 DDR-Mark für 1 DM bezahlen. Die Preisvergleiche hinkten schon damals immer und waren Anlass heftiger Streitereien zwischen Ost und West. Mal ein eher lustiges Beispiel aus dem Frühjahr 1990: InWestberlin war ich in einem Telefonladen, um mich nach den Kosten eines Telefons zu erkundigen. Ein Anschluss kostete 24 DM Grundgebühr. “Das ist ja mehr als meine Miete von 16 DDR-Mark!” Und die Verkäuferin ungläubig: “Für die Wohnung oder den m²?” “Für die Wohnung natürlich!”, antwortet ich und danach gab es eine sehr angeregte Diskussion im ganzen Landen zwischen den Verkäuferinnen.
Wer jetzt bei diesen Mietpreisen der “guten alten Zeit” nachtrauert: meine Altbauwohnung in der Gärtnerstaße hatte ca. 25 m², besaß kein Bad und die Toilette befand sich auf dem Boden. Aber das Entscheidende war: für diese Mieten war auch der DDR-Statt nicht in der Lage Wohnraum zu erhalten und so verfielen die Innenstädte in der DDR bis auf wenige Ausnahmen.

11.11.1989 das NEUE FORUM in Berlin (Samstag)

11 November 2009

Tagebuchauszug vom 11. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):

“Um 9 Uhr stand ich auf und fuhr zum NF Treffen in der Christusgemeinde (Firlstraße). Heiko Lietz spielte dort als Diskussionsleiter den Löwenbändiger – es war sehr chaotisch und entmutigend. Ich wurde zum Bezirkssprecher gewählt und werde vom 15.-18.12. nach Budapest fahren.
Mit Michael und Harald fuhr ich dann noch nach Westberlin. Wir verloren bald Michael, landeten im Rias Studio 10 und hatten dort ein gutes Gespräch mit Steffen Reiche  (SDP), lehnten aber ein Gespräch über den Sender ab.
Ziemlich begeistert kamen wir gegen 3 Uhr bei Anne an.”
Ende des Tagebuchauszugs

Erläuterung:
Das Treffen des NEUEN FORUM war das erste größere Delegiertentreffen – davor traf sich nur der Republicksprecherrat mit je einem Vertreter pro Bezirk. Es war unglaublich, die Mauer geöffnet in Berlin, die Frage der Einheit steht offen im Raum und das NEUE FORUM diskutiert bis zur Selbstzerfleischung über das “Selbstverständnis des NEUEN FORUM”. Irgendwann stellt jemand in der Runde die Frage, ob man sich nicht auch zum Mauerfall äußern müsste, aber es bleibt ein absolutes Randthema.
Die Fahrt nach Westberlin mit Harald Terpe war viel beeindruckender. Irgendwo am Kuhdamm stand ein Bus, der Menschen zu einer Party in das Riasgebäude einlud – Harald und ich fuhren mit. Der erwähnte Steffen Reiche hat 1989 die SDP mitgegründet und saß im Vorstand. Das NEUE FORUM hatte keine klare Vorstellung, wie es mit der Macht umgehen sollte, die ja praktisch auf der Straße lag. In dieser Zeit beginnt ein Riss durch das NF: die Einen wollen es als Forum für einen gesellschaftlichen Diskurs bewahren, die Anderen zu einer wirklich eigenständigen politischen Kraft entwickeln, die sich zu Wahlen stellt und sich damit auch von anderen Gruppierungen deutlicher abgrenzt.

Dokument:
Titelseite der BZ vom 11. 11. 1989: die Maueröffnung wird als “Wort gehalten” gedeutet

BZ 11.11.1989 "Wort gehalten"

10.11.1989 Wahnsinn! (Freitag)

10 November 2009

Aus dem Tagebuch vom 10.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):

“Gegen 15 Uhr kam ich endlich los. Auf dem Weg zur Bushaltestelle begegneten mir schon die ersten begeisterten DDR-Bürger mit ihren Visa. Ich trampte mit einem Auto bis Berlin und hörte die Rede von Momper – war echt bewegend.

Bei Anne traf ich auf Karoline, meine Mutter, Friederike und Thomas. Sie waren gerade in Aufbruchsstimmung und so kam ich mit nach West-Berlin. Die Stimmung beim Grenzübertritt war einfach unbeschreiblich. Auf dem Kurfürstendamm waren Unmengen von Menschen utnerwegs. Karoline und meine Mutter fuhren eher zurück. Zu dritt gaben wir eine kanadischen Zeitung ein Interview – auf Englisch! In einem türkischen Restaurant spendierte der Türke uns die Getränke. Riesen Stimmung auf der Mauer. In Ostberlin Ruhe, sauber, menschenleer. Gegen 2 Uhr kamen wir wieder bei Anne an (sie ist zur Zeit in Halle). Es war ein historischer Tag und ich war froh, daß ich dabei sein konnte. Getrübt nur durch den Gedanken an Susanne Jordan, die heute ihre Mutter beerdigt hat.”
Ende des Tagebuchauszugs

Erläuterung:
Vor den Amtstuben der Volkspolizei bildeten sich an diesem Tag auch in Rostock  lange Schlangen. Direkt in die hinteren Seiten des Personalausweises wurde das Visum gestempelt. Ich hatte noch kurz überlegt, aber beim Anblick der endlosen Schlange in der Ernst-Barlach-Straße das Vorhaben aufgegeben.
Ich fuhr nicht nach Berlin, um mir die Ereignisse um den Mauerfall anzuschauen, sondern weil der Republiksprecherrat des NEUEN FORUM am Sonnabend tagen sollte. Dass ich meine Mutter und meine beiden Schwestern in Berlin bei Anne Herdin traf, war reiner Zufall. Meine Mutter war 1961 unmittelbar vor dem Mauerbau in Schottland mit einer Freundin unterwegs gewesen. In genau den Tagen ihres Urlaubs wurde die Mauer gebaut und sie überquerte die Grenze von West nach Ost nach dem 13. 8.1961. Ihre Brüder aus dem Westen konnten sie damals davon nicht abhalten, weil sie meinen Vater schon kannte. Mit ihr über die Grenze an der Bornholmer Straße zu gehen war einfach unbeschreiblich. Es gab keine Grenzkontrollen – ich brauchte jedenfalls kein Visum in meinem Personalausweis. Und was mich vor allem tief beeindruckt hat: es kamen uns Massen von strahlenden DDR-Bürgern mit Plastetüten entgegen – sie blieben also nicht alle, wie befürchtet, im Westen.
“Riesenstimmung auf der Mauer”: Nur am Brandenburger Tor bestand die Mauer aus übereinandergelegten Betonplatten und war deshalb ca. 2 m breit. Und auf der Mauer gab es fast keinen Platz. Auf der DDR-Seite standen Grenztruppen und Wasserwerfer, die auch zum Einsatz kamen.
Durch die Dokumentationen in diesen Tagen habe ich mich auch wieder an die Befürchtungen vor der großen Demo am 4.11. erinnnert. Künstler hatten aufgerufen und weit über 100.000 Menschen waren zur dieser genehmigten Demonstration gekommen. Die große Sorge war, ob sich diese Massen dann Richtung Grenze / Brandenburger Tor in Bewegung setzen und den Druchbruch an diesem Tag versuchen – zum Glück ist das nicht passiert.