Archiv für Dezember 2009

Besetzung Staatssicherheit 4.12.1989

16 Dezember 2009

In meinem Tagebuch findet sich auch kein Eintrag, dafür gibt es noch ein paar Fotos, wenn ich die finde. Ich erinnere mich:

Gegen 17.00 uhr lief ich über den Weihnachtsmarkt, um in die Wendenstraße zu kommen. Vor dem Glühweinstand traf ich Rando und Fritz D., die mich anhielten und erzählten, dass heute abend die Stasizentrale dran wäre. Bis heute weiß ich nicht genau, ob schon von “Besetzen” die Rede war, aber nach Kavelsdorf lag das immerhn im Bereich des Denkbaren. Noch im Fortgehen rief ich Rando zu er solle seinen Fotoapparat mitnehmen (meine Kamera hatte kein Blitzlicht), denn heute würde – so es wahr wäre – wirklich Geschichte geschehen. Rando versprach, später dazuzukommen (die wenigen Fotos hat er gemacht). Für diesen Tag entschied ich mich also gegen das Verputzen meiner Küchenwand und traf Vorbereitungen, die darin bestanden, dass ich langes Unterzeug anlegte, mich auch sonst warm anzog (denn das Mahnen wurde schnell zum Kampf gegen die Kälte), um dann im “Klaufix” (einem Altstadtkonsum) vier Tüten Cashewkerne und zwei Flaschen Goldbrand zu kaufen. Alles versenkte ich in den herrlich riesigen Innentaschen meines tschechischen Fischgrätenmantels. Die Flaschen wurden später von den Gefährten “Revolutions-Öken” getauft. Dann eilte ich zur Bebelstraße, schon ängstlich etwas zu verpassen. Dort standen nur Maria Ortmann und ein paar andere Christen und versuchten, die Kerzen am Brennen zu halten. Irgendwie war die Situation noch nicht soweit, aber ein paar Cashewnüsse hoben die Stimmung, zumal dann immer mehr Leute kamen. Schließlich kamen Rando, Fritz und weitere Altstadtbewohner und nun wurde es eng. Sprechchöre wurden laut und Fäuste gegen ein Gebäude gereckt. Ingo Richter stieg auf die treppen und versuchte den Auflauf zu einer SPD-Veranstaltung umzudeuten. Er wurde erst ausgelacht, dann ausgepfiffen und räumte schließlich das Feld. Stattdessen kamen ARD und ZDF und es wurde hell von den Lampen. Schließlich wandte sich der Haufe gegen das Tor zum rückwärtigen Hof (wo hindurch man heute gehen muss wenn man in der Innenstadt Wattwürmer kaufen möchte). Dieses schwang unter dem rhythmischen Anlaufen schon stärker als die vordere Tür, was Mut machte. Ich musste in dem Gedränge ein wenig auf die Flaschen aufpassen, ließ mich jedoch, wie fast alle anderen, mitreißen. Noch während das Tor belagert wurde, rief jemand von der Seite so etwas wie “In Waldeck werden die Akten verbrannt! Hier ist nichts, wir müssen nach Waldeck.” Rando und ich gesellten uns zu dem Grüppchen, das den Außenposten stürmen sollte. Kai Sebastian Pelz fuhr uns im Auto seines Vaters da hinaus und dann stand dort – niemand. Der Posten blickte gelangweilt. Endlich kamen noch ein paar Leute, aber es blieben wenige (vielleicht 12 – 15?), und das machte es schwer, auf das KDL (Kontroll-Durchlass) zuzugehen. Der Revolutions-Öken kam das erste Mal zum Einsatz. Dann fanden sich Beherzte (ich nicht) und begehrten den OvD zu sprechen usw. Es wurde telefoniert, gewartet, geraucht, wieder telefoniert. Dann zogen sich die Aufrechten zur Beratung auf den Parkplatz zurück.Verstärkung kam nicht, offenbar waren alle in der Bebelstraße. Rando und ich schlenderten zum Posten und verwickelten ihn in ein Gespräch über Maßbänder, Tagesäcke, die Stasi und die NVA. Es stellte sich heraus, dass der Genosse nur noch wenige Wochen zu dienen hatte. Gerade als er sich mit dem zweiten Posten besprach kam ein Anruf von drinnen, das das Volk eingelassen werden dürfe. Irgendeine Anweisung von irgendeinem Oberstaatsanwalt. Der OvD wirkte überfordert, alleingelassen vom Staat; und schloss auf. In den Zimmern saßen Mitarbeiter, die nicht wussten was vor sich ging. Wortwechsel, kleine Ansprachen, Legitimationsformeln. Sie gingen dann nach Hause. Dann galt es das “Objekt bis zum Eintreffen der Sicherheitspartner” (der Polizei) zu sichern. Also wurden Posten organisiert, es wurde patroulliert und gesucht. Wo war das Heizhaus? Die Müdigkeit kam und die Flaschen wurden leer. Dann kam die Volkspolizei und fuhr uns nach Hause. Erst da stellten wir fest, dass wir kaum fotografiert hatten. Wozu das Banale ablichten? Oder Angst um den Fotoapparat? Immerhin gibt es ein Bild von halbverbrannten Aktendeckeln, ich muss es nur finden … Rando ist ist in El Salvador, vielleicht find ich es auch.

7.12.1989 1. DDR-Runder-Tisch (Donnerstag)

9 Dezember 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 7. 12. 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“… Dann Endredaktion bei Gauck. Ich hielt mich raus und schrieb einen Text zur Demo bei Kronskamp. 15:30 Uhr fuhr ich mit Gauck und Dietlind nach Doberan. Autrum machte machte wieder die Leute heiß und bezweifelte die Indentität eines Modrowgesandten. 18 Uhr fuhren wir zurück. Nach einem kurzen Abendbrot bei Gauck fuhr ich zur Marienkirche und las die Fürbitte mit. Heute war wohl die bewegenste Andacht. Der Bericht über die Besetzung der Stasi und die Sympathieerklärung der VP – nach dem Segen standen die Leute einfach noch da – wir gehörten zusammen.
Und die Demo verlief echt gut – nicht mehr die “Wiedervereinigungshysterie”. Danach saßen wir bei Albrecht zusammen.
… Vielleicht bekomme ich als Sprecherratsmitglied ein Telefon.”
Ende des Tagebuchauszugs

In meinem Terminheft fand ich einen Eintrag zum Termin im Rat des Kreises Doberan am 7. 12. 1989 um 16 Uhr:
“Autrum: Mittwoch 6.12. 15:30 Uhr Telefonat mit Modrow / Ereignisse um Hohen Luckow – Stasi hat dort wieder die Macht / seit 13 Uhr ist überall ein persönlicher Vertreter Modrow zum Rat des Bezirks / Herr Jäne unterbreitet Vorschlag, der sich direkt auf …. / In Doberan wurde das Stasigebäude erneut von Stasi besetzt => erneute Sicherung durch Militärstaatsanwalt / 2 x VP  2 x NF + 1 Vertreter des MfS 4 Uhr / Niemann Ribnitz  (6Uhr) ruft Autrum an = Beratung auf Bezirksebene / 18 Uhr Gespräch mit Jäne 5.12. / Autrum erreicht Jäne im Rat des Bezirks 12 Uhr / Widerspruch: Jäne ist seit 5. 12. in Rostock, aber erst seit 6.12.  13Uhr im Auftrag Modrows unterwegs / Halbritter ist Beauftragter mit Autrum zu reden / 15.30-40 Gespräch mit Halbritter: Widerspruch zu Jäne
Jäne: 5. 12. kurz vor 12 Uhr Auftrag erhalten und fuhr nach Rostock (an 15:30 Uhr) / Bestätigung sollte nachgereicht werden / am 6. 12. wurde Beglaubigung nachgereicht / Mitarbeiter im Sekretariat des Ministerrates / Dienstausweis liegt vor
Gauck: akzeptierte sie als Modrowleute / Aktenvernichtung soll gestoppt werden”
Ende des Protokolls vom 7. 12. 1989

Erklärung:
Die Modrow-Übergangsregierung hatte Beauftragte in die Bezirke geschickt. Die Situation war kurz nach den ersten Stasibesetzungen überall sehr aufgeheizt und von großem Misstrauen geprägt.  Gerd Autrum, Mitglied des vorläufigen Koordinierungsrates des NEUEN FORUM aus Bad Doberan, glaubte  Widersprüche bei der Legitimation des Regierungsbauftragten festgestellt zu haben und wir fuhren aus Rostock nach Bad Doberan um diesen Streit zu schlichten. Interessant dabei die Bemerkungen zu den Stasiobjeten in Hohen Luckow und Bad Doberan – nach einer kurzen Öffnung hatte dort die Stasi wieder die Arbeit aufgenommen und ganz offensichtlich die Aktenvernichtung fortgesetzt.

Am 7. 12. 1989 fand auch der erste Runde Tisch auf DDR Ebene statt. Beim Republiksprecherrat am 2. 12. in Berlin (französische Kiche am Gandarmenmarkt) hatte das NF über die Frage diskutiert, ob wir durch die Teilnahme das Legitimationsdefizit der Übergangsregierung ausfüllen und damit eine schnelle Veränderung behindern.
In meiner Eintrag im Terminheft vom 2. 12. ist folgendes von dieser Vorbesprechung zum RT vermerkt:
“Rundtischgespräch am 7. 12. 89  14 Uhr (Bonhoefferhaus)
Teilnehmer treffen sich schon um 9:30 Uhr
Fork macht Eröfnung / NF erhält 3 Sitze – sonst nur 2 Sitze
Ev. Kirche / kath. Kirche
NDPD / CDU / LDPD / Krenz / Schabowski / Maleuda / Ziegler (wer läd ein)
6 x 2 Personen + 3 vom NF = 15
IfM / SDP / Demokratie Jetzt / DA / NF / vereinigte Linke / Grünes Netzwerk
4 Themen:
1. Artikel 1 + 3 außer Kraft
2. Offenlegung der wirtschaftlichen und finanziellen Lage
3. rechtliche Beiehungen der beiden deutschen Staaten
4. Wahlvorbereitung (Termin)
(5.) Untersuchungsausschuß muß Arbeit wegen Infomangel (7./8.10.1989)
- Ausschussarbeit soll beginnen
- Büro für Opposition / festzulegender Umfang für Opposition in Zeitungen
- anschließend Hearing in einer Kirche
- Diskussion: gehen wir am 7.12. hin? – keine ist durch Wahlen legitimiert – Legitimationsdefizit darf nicht ausgefüllt werden
NF nimmt teil: Ingrid Köppen / Rainer Schuldt / Rolf Hendrich”
Ende des Auszugs

4.12.1989 Besetzung der Stasizentrale in Rostock (Montag)

4 Dezember 2009

In meinem Tagebuch gibt es für diesen Tag keinen Eintrag.
Nach meiner Erinnerung kam ich am Nachmittag des 4. 12. aus Berlin  zurück. Mein erster Weg in Rostock führte mich zur Wohnung von Dr. Rainer Ohff, der damals in der Zelckstraße in der Steintorvorstadt wohnte. Dort sollte der Sprecherrat des NF tagen, aber an der Tür hing nur der Zettel “Bin bei der Stasizentrale”. Ich dachte sofort an eine Vorladung oder gar Verhaftung. Da die Stasizentrale auf dem Weg zur östlichen Altstadt lag, ging ich dort vorbei. Ein kleiner Trupp von vorwiegend jungen Leuten stand vor dem Eingang in der August-Bebel-Straße und hielt eine Mahnwache gegen die Aktenvernichtung ab. Ich kannte die meisten der Beteiligten und unterhielt mich auch kurz mit einigen. Aber es erschien mir etwas naiv, auf mit dieser Aktion die Aktenvernichtung in diesem großen Komplex stoppen zu wollen – eine Besetzung hielt ich für undenkbar. Außerdem war es ziemlich kühl und ich wollte endlich nach Hause. Das für mich unvorstellbare passierte dann in den nächsten Stunden und auch ich kenne davon nur die Berichte:

Am späten Abend kamen immer mehr Menschen zur Mahnwache und neue Gerüchte, über scheinbar belegte Aktenvernichtungen in Außenstellen, machten die Runde. Der Druck wuchs und ein Staatsanwalt wurde von den Protestierern herbeigerufen. Mit der der Volkspolizei wurde eine Sicherheitspartnerschaft vereinbart. Die Stasi versuchte den Druck abzubauen und bat eine Abordnung in das Gebäude. Diese Abordnung verlangte den Stop der Aktenvernichtung und die Sicherung der vorhandenen Akten und begann mit der Versieglung der Räume. Der Staatsanwalt wurde aufgefordert, den Leiter der Bezirksverwaltung der Stasi zu verhaften. Originalton des Staatsanwalts zum zu Verhaftenden “Nehmen wir Dein Auto oder meins?”.
Später wurde auf Initiative des NF ein “Unabhängiger Untersuchungsauschuss” eingesetzt. Der in teilweise wechselnder Besetzung bis zum Oktober 1990 die Abwicklung der Stasi in Rostock betrieb und die Arbeitsweise der Stasi teilweise aufarbeitete und dokumentierte.

3. 12. 1989 eine Menschenkette durch die DDR (Sonntag)

3 Dezember 2009

Auszug aus dem Tagebuch vom 3.12.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Kurz vor 12 Uhr fuhr ich zur Schönhauser – die Menschenkette kam tatsächlich zustande. Weit über 1 Millionen Menschen müssen auf den Straßen gestanden haben.”
Ende des Auszugs

Erläuterung
Ich war am 3. 12. in Berlin und habe dort auf der Schönhauser Allee die Menschenkette durch die DDR erlebt.  Bis unmittelbar vor dem bekannt gemachten Zeitpunkt der Menschenkette, war von dieser nichts zu bemerken. Ich stand, wie viele andere, nur auf dem Geweg herum. Aber plötzlich gingen die Ersten auf die Straße und stellten sich hin und viele, viele folgten und fassten sich an den Händen an und brachten die Menschenkette zustande. Mich hat das damals sehr bewegt und ich hätte “uns” das auch nicht zugetraut. Die moderne Form einer solchen Aktion heißt heute Flasmop: unbekannte Menschen verabreden sich per SMS zu einer gemeinsamen öffentlichen Aktion.