16 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 14. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Gegen 9 Uhr stand ich auf und sitze nun wieder im PT-Seminar und schreibe Tagebuch. Es ist wirklich die einzige ruhige Stunde in der Woche.
Die Kirche hat vor, ihre politische Arbeit abzugeben – Krise auch in meiner Verbundenheit zur Kirche => Frage auch nach meinem Studium, dem ich zur Zeit sowieso nicht gerecht werde.
Die ökologische Gesellschaft von der ich träume scheint unerreichbar, bleibt aber letztlich der einzige Weg, wenn wir dem Müll-Konsum-Rausch in der der DDR entgehen wollen.”
Ende des Auszugs
Erläuterung:
Das Kirche politisch ist, war für mich vollkommen selbstverständlich. Dies war auch nicht das Vorrecht der evangelischen Kirchen, sondern selbstverständlich auch innerhalb der katholischen Kirche ein Thema. Die Arbeit der “Bekennenden Kirche” in der Zeit des Nationalsozialismus, die “Theologie der Befreiung” in Mittel- und Südamerika und nicht zuletzt das konkrete Eingreifen der katholischen Kiche in Polen waren für mich positive Vorbilder kirchlichen Engagements. Beim Kichentag 1988 in Rostock sprach Helmut Schmidt in der Marienkirche. Sein Satz “mit der Bergpredigt kann man keinen Staat regieren” hat damals heftige Diskussionen ausgelöst. Wirklich geärgert hat mich aber, als er seine Rede in der Marienkirche mit der Aussage begann, von der Kanzel dürfe keine Politik gemacht werden. Für Politik gab es in der DDR aber praktisch fast keinen anderen Freiraum als die Kirchen.
Spätestens nach dem 9. 11. wurde Politik wieder eine öffentliche Angelegenheit und die Kirchen konnten sich wieder auf “ihre eigentliche Aufgabe/Angelegenheit” zurückziehen. Sehr viele Theologinnen und Theologen sind damals in die Politik gegangen und haben ihren Beruf als Pastorin oder Pfarrer aufgegeben. Natürlich bedeutete dies keinen Bruch mit der Kirche und war ein Aufbruch in die Möglichkeiten der neuen Freiheit – aber es blieb auch ein Abschied von einer politischen Kirche, die so nicht mehr notwendig war.
12 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 12.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Ich wachte gegen 12.30 Uhr auf – alle waren schon weg – und fuhr nach Westberlin. Vor allem war ich mit dem Abholen des Begrüungsgeldes beschäftigt. Gegen 18 Uhr fuhr ich über die Friedrichstraße (an der Mauer gewesen) mit der S-Bahn nach Karow.”
Ende des Auszugs
Erläuterung:
Ich war am 12. 11. immernoch in Berlin. In Westberlin war die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel für DDR-Bürger kostenlos und die Verkehrsmittel fast überall total überfüllt. Als Begrüßungsgeld gab es einmalig 100 DM. Die Bundesregierung hatte diese Regelung schon seit Jahren für Besucher aus dem Osten eingeführt. Das Begrüßungsgeld gab es maximal einmal pro Jahr gab. Ich bin mir selbst nicht mehr sicher, ob die Auszahlungsstelle einen Stempel in den Ausweis drückte – auf jeden Fall gab es leider bald immer häufiger den Mißbrauch dieser Regelung, da ein neuer Personalausweis immernoch weit billiger als 100 DM war.
Vielleicht ein paar Beispiele, um den Wert von 100 DM einschätzen zu können: Als sehr gut bezahlter Arbeiter am Fließband der IFA-Motorenwerke in Nordhausen konnte man über 900 DDR-Mark pro Monat verdienen, ein Pfarrer bekam 650 DDR-Mark und als Student bekam man 200 DDR-Mark pro Monat. Als fairer inoffizieller Umtauschkurs galt 4 DDR-Mark = 1 DM. Wer auf der Straße tauschte musste im Herbst 10 DDR-Mark für 1 DM bezahlen. Die Preisvergleiche hinkten schon damals immer und waren Anlass heftiger Streitereien zwischen Ost und West. Mal ein eher lustiges Beispiel aus dem Frühjahr 1990: InWestberlin war ich in einem Telefonladen, um mich nach den Kosten eines Telefons zu erkundigen. Ein Anschluss kostete 24 DM Grundgebühr. “Das ist ja mehr als meine Miete von 16 DDR-Mark!” Und die Verkäuferin ungläubig: “Für die Wohnung oder den m²?” “Für die Wohnung natürlich!”, antwortet ich und danach gab es eine sehr angeregte Diskussion im ganzen Landen zwischen den Verkäuferinnen.
Wer jetzt bei diesen Mietpreisen der “guten alten Zeit” nachtrauert: meine Altbauwohnung in der Gärtnerstaße hatte ca. 25 m², besaß kein Bad und die Toilette befand sich auf dem Boden. Aber das Entscheidende war: für diese Mieten war auch der DDR-Statt nicht in der Lage Wohnraum zu erhalten und so verfielen die Innenstädte in der DDR bis auf wenige Ausnahmen.
11 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Tagebuchauszug vom 11. 11. 1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Um 9 Uhr stand ich auf und fuhr zum NF Treffen in der Christusgemeinde (Firlstraße). Heiko Lietz spielte dort als Diskussionsleiter den Löwenbändiger – es war sehr chaotisch und entmutigend. Ich wurde zum Bezirkssprecher gewählt und werde vom 15.-18.12. nach Budapest fahren.
Mit Michael und Harald fuhr ich dann noch nach Westberlin. Wir verloren bald Michael, landeten im Rias Studio 10 und hatten dort ein gutes Gespräch mit Steffen Reiche (SDP), lehnten aber ein Gespräch über den Sender ab.
Ziemlich begeistert kamen wir gegen 3 Uhr bei Anne an.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Das Treffen des NEUEN FORUM war das erste größere Delegiertentreffen – davor traf sich nur der Republicksprecherrat mit je einem Vertreter pro Bezirk. Es war unglaublich, die Mauer geöffnet in Berlin, die Frage der Einheit steht offen im Raum und das NEUE FORUM diskutiert bis zur Selbstzerfleischung über das “Selbstverständnis des NEUEN FORUM”. Irgendwann stellt jemand in der Runde die Frage, ob man sich nicht auch zum Mauerfall äußern müsste, aber es bleibt ein absolutes Randthema.
Die Fahrt nach Westberlin mit Harald Terpe war viel beeindruckender. Irgendwo am Kuhdamm stand ein Bus, der Menschen zu einer Party in das Riasgebäude einlud – Harald und ich fuhren mit. Der erwähnte Steffen Reiche hat 1989 die SDP mitgegründet und saß im Vorstand. Das NEUE FORUM hatte keine klare Vorstellung, wie es mit der Macht umgehen sollte, die ja praktisch auf der Straße lag. In dieser Zeit beginnt ein Riss durch das NF: die Einen wollen es als Forum für einen gesellschaftlichen Diskurs bewahren, die Anderen zu einer wirklich eigenständigen politischen Kraft entwickeln, die sich zu Wahlen stellt und sich damit auch von anderen Gruppierungen deutlicher abgrenzt.
Dokument:
Titelseite der BZ vom 11. 11. 1989: die Maueröffnung wird als “Wort gehalten” gedeutet

10 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Aus dem Tagebuch vom 10.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Gegen 15 Uhr kam ich endlich los. Auf dem Weg zur Bushaltestelle begegneten mir schon die ersten begeisterten DDR-Bürger mit ihren Visa. Ich trampte mit einem Auto bis Berlin und hörte die Rede von Momper – war echt bewegend.
Bei Anne traf ich auf Karoline, meine Mutter, Friederike und Thomas. Sie waren gerade in Aufbruchsstimmung und so kam ich mit nach West-Berlin. Die Stimmung beim Grenzübertritt war einfach unbeschreiblich. Auf dem Kurfürstendamm waren Unmengen von Menschen utnerwegs. Karoline und meine Mutter fuhren eher zurück. Zu dritt gaben wir eine kanadischen Zeitung ein Interview – auf Englisch! In einem türkischen Restaurant spendierte der Türke uns die Getränke. Riesen Stimmung auf der Mauer. In Ostberlin Ruhe, sauber, menschenleer. Gegen 2 Uhr kamen wir wieder bei Anne an (sie ist zur Zeit in Halle). Es war ein historischer Tag und ich war froh, daß ich dabei sein konnte. Getrübt nur durch den Gedanken an Susanne Jordan, die heute ihre Mutter beerdigt hat.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Vor den Amtstuben der Volkspolizei bildeten sich an diesem Tag auch in Rostock lange Schlangen. Direkt in die hinteren Seiten des Personalausweises wurde das Visum gestempelt. Ich hatte noch kurz überlegt, aber beim Anblick der endlosen Schlange in der Ernst-Barlach-Straße das Vorhaben aufgegeben.
Ich fuhr nicht nach Berlin, um mir die Ereignisse um den Mauerfall anzuschauen, sondern weil der Republiksprecherrat des NEUEN FORUM am Sonnabend tagen sollte. Dass ich meine Mutter und meine beiden Schwestern in Berlin bei Anne Herdin traf, war reiner Zufall. Meine Mutter war 1961 unmittelbar vor dem Mauerbau in Schottland mit einer Freundin unterwegs gewesen. In genau den Tagen ihres Urlaubs wurde die Mauer gebaut und sie überquerte die Grenze von West nach Ost nach dem 13. 8.1961. Ihre Brüder aus dem Westen konnten sie damals davon nicht abhalten, weil sie meinen Vater schon kannte. Mit ihr über die Grenze an der Bornholmer Straße zu gehen war einfach unbeschreiblich. Es gab keine Grenzkontrollen – ich brauchte jedenfalls kein Visum in meinem Personalausweis. Und was mich vor allem tief beeindruckt hat: es kamen uns Massen von strahlenden DDR-Bürgern mit Plastetüten entgegen – sie blieben also nicht alle, wie befürchtet, im Westen.
“Riesenstimmung auf der Mauer”: Nur am Brandenburger Tor bestand die Mauer aus übereinandergelegten Betonplatten und war deshalb ca. 2 m breit. Und auf der Mauer gab es fast keinen Platz. Auf der DDR-Seite standen Grenztruppen und Wasserwerfer, die auch zum Einsatz kamen.
Durch die Dokumentationen in diesen Tagen habe ich mich auch wieder an die Befürchtungen vor der großen Demo am 4.11. erinnnert. Künstler hatten aufgerufen und weit über 100.000 Menschen waren zur dieser genehmigten Demonstration gekommen. Die große Sorge war, ob sich diese Massen dann Richtung Grenze / Brandenburger Tor in Bewegung setzen und den Druchbruch an diesem Tag versuchen – zum Glück ist das nicht passiert.
9 November 2009 von Olaf Reis
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da steht nur in meinen Notizen (Olaf Reis):
“Die DDR stirbt an einem Sprechfehler. Was ist das für eine Macht, die sich mit einem Wort selbst abschafft? Dieses Ende ist falsch, der Anfang der daraus kommt muss es auch sein.”
Nun ja, ganz so negativ sehe ich das Ende nicht mehr, war doch auch Schabowskis Fehlleistung ein Ausdruck seiner Überforderung, und seinem Stress geschuldet, also am Ende ein Produkt der Straßenmacht. Dennoch: mit diesem banalen Ausklang behielt die Staatsführung ein letztes Mal das Heft des Handelns in der Hand und lenkte die innen aufgestaute Energie nach Westen um, so wertvolle Wochen gewinnend, um wenigstens die gröbsten Spuren zu beseitigen. Der frühe Fall der Mauer, das erschien mir klar, machte die Erneuerung “aus dem Innern der Zelle” unmöglich – wie sie ohne die Öffnung in den nächsten Wochen vielleicht hätte stattfinden müssen. So aber starb die DDR keines vollendeten Todes (wie Ceaucescu z.B.) – und auch diesem Grunde ist sie so langlebig, dies der Preis für den Frieden seither: der Osten ergoss sich westwärts. Die relativ genuinen Demokratiekeime würden im Strukturbeet der BRD aufgehen, das war ab diesem Tage klar. Also, mein Gefühl damals und heute in der Rücksicht bleibt das der verpassten Gelegenheit und bleibt ebenso hoffnungslos: was wäre das für eine Demokratie gewesen, die für ihre Entstehung die Mauer gebraucht hätte?
Das Gefühl aller, dass hier Geschichte geschieht, hatte ich am 9.11. deshalb nicht, sondern das einer vollständigen Einsamkeit. Aber es sollte sich doch noch einstellen, das Gefühl realer Geschichte: als ich mit Rando in Waldeck auf dem Gang stand und die Tschekisten nach Hause gingen um nicht wiederzukehren. Aber das kommt ja noch.
Dank an JGJ für den Solschenizin-Text.
9 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 9.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Am Vormittag holte ich das Gegenschreiben zum OZ Artikel von Kilimann ab. Ab 13 Uhr tage der Sprecherat bei mir. Danach fuhr ich zur OZ, dem Demokraten und zur NNN, um den Artikel abzugeben.
Ich las dann die Andacht in der Michaeliskirche mit.
Wieder stand ich vor der Stasi – diesmal wurde es wieder etwas gefährlicher.
Danach dann die Meldung, daß alle Grenzen zur Bundesrepublik offen sind – wirkte wie ein Schock.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erläuterung:
Im “Gegenschreiben” hatte sich Klaus Kilimann für die Unterstützung des NEUEN FORUM ausgesprochen und dem Vorwurf “Hobbypolitiker” widersprochen. Der Artikel wurde in den nächsten Tagen auch abgedruckt und war eine wichtige Unterstützung. Dietlind Glüer, die damals Klaus Kilimann vorgeschlagen hatte, kann sich heute noch darn erinnern, dass im Sprecherrat durch Harald Terpe noch ein anderer Unimitarbeiter ins Gespräch gebracht wurde: Günter Kraus – aber der wurde von uns nicht gefragt.
Wenn es vor der Stasti “gefährlicher ” wurde, dann ging diese direkte Gefahr nicht von der Stasti selbst aus, sondern von den zunehmend ungeduldigeren Demonstranten. Ich gehörte mit zu den Ordnern des NF, die unmittelbar vor dem Gebäude standen, um Übergriffe gegen das Gebäude zu verhindern.
Die “Maueröffnung ein Schock”. Die Nachricht von der Maueröffnung verbreitete sich im Demonstrationszug als Gerücht. Auch an diesem Tag hatte die ESG (Evangelische Studentengemeinde) und die KSG (Katholische Studentengemeinde) um 18 Uhr auf den jüdischen Friedhof zum Gedenken an die Reichspogromnacht eingeladen. Um 20 Uhr fanden die Andachten in verschiedenen Rostocker Kirchen statt. Nach 21 Uhr setzte sich der Demonstrationszug in Bewegung. Ich glaube mich errinnern zu können, dass mich die Nachricht am heutigen Ökohaus in der Hermannstraße erreichte – es muss also deutlich nach 22 Uhr gewesen sein.
Warum ein Schock? Ich war davon ausgegangen, dass die Maueröffnung ein letzter genialer Schachzug der SED war, um den Druck in der DDR abzubauen. Die Vermutung war, dass die DDR für wenige Stunden die Grenzen öffnet, alle gehen können, die ein Problem mit der SED haben und dann die Mauer wieder geschlosen wird. Mit den Oppositionsresten würde dann die SED sehr einfach fertig werden. Tatsächlich war in den ersten Stunden der Maueröffnung an der Bornholmer Straße in Berlin die Order ausgegeben worden, nur die lautesten Demonstranten über die Grenze ziehen zu lassen, ihren Personalausweis unbemerkt ungültig zu stempeln und ihnen dann die Wiedereinreise zu verweigern. Als dann dann aber der Schlagbaum fiel und die Massen ohne Kontrolle strömten, war dieser Plan zunichte gemacht worden.
An diesem Abend des 9. 11. 1989 blieb die große Sorge, dass der hoffnungsvolle Aufruch mit der Maueröffnung ein Ende findet und unser Engagement damit ins Leere läuft.
Zu den Dokumenten:
Die Andachten wurde von einer Gruppe vorbereitet und dann in allen Kirchen gleich gehalten. Die Idee: bei der Demo oder am nächsten Tag sollten sich alle über die Andachten + die Infos austauschen können, so als ob man gemeinsam eine Sendung im Fernsehen gesehen hat.
Nachfolgend die Dokumentation der Andacht an diesem 9. 11. 1989:
Bestehend aus:
1. Ablaufplan
2. Begüßung (zwei Varianten: Erklärung zur Form der Vorbereitung und eine mit Erwähnung der beteiligten Personen)
3. Predigt Teil 1 (bestehend aus vier Seiten, die von mehreren Leuten als Dialogpredigt gehalten wurde)
4. Predigt Teil 2 (bei der besonders auf die Pogromnacht eingegangen wurde)
5. Fürbitten (sehr konkret und politisch)

Ablaufplan

Begrüßung mit Personen

Begrüßung ohne Personen

1. Predigt Seite 1

1. Predigt Seite 2

1. Predigt Seite 3

1. Predigt Seite 4

2. Predigt Seite 1

2. Predigt Seite 2

Fürbitten
8 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 8.11.1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Änne kam am Morgen vorbei, um mir einen OZ-Artikel vorzulesen, der das NEUE FORUM angreift.
Noch am Vormittag war Gerd Autrum vorbeigekommen, um mich zufragen, ob auch ich – wie Aldo – ein Schreiben von der Stasi bekommen habe.
Am Nachmittag war ich in der Michaelskirche. Der Nachmittag in der Michaeliskirche war echt streßend – ich führte einen Haufen Gespräche und war am Ende echt abgefüllt. Wir saßen auch vom Sprecherrat zusammen und beschlossen, uns am nächsten Tag zu treffen. Danach besuchte ich noch Gauck (Gerd Autrum / Wahlen in Doberan).”
Ende des Auszugs
Erläuterung:
In einem Artikel der Ostseezeitung war das NEUE FORUM direkt angegriffen worden. Ich habe keine Details im Gedächtnis und kann mich nur an den Vorwurf der “Hobbypolitiker” erinnern. Im Sprecherrat haben wir über den Artikel gesprochen und von Dietlind Glüer kam die Idee, einen ihr bekannten Dozenten an der Universität zu bitten, eine Antwort auf diesen Artikel zu formulieren. Diese Idee war wirklich ein neuer Gedanke, weil bisher aus den Reihen der Universtiätsprofessoren keine öffentliche oder direkte Unterstützung des NEUEN FORUM gegeben hatte. Dieser Dozent war Dr. Klaus Kilimann, der später von 1990-1993 der erste frei gewählte Bürgermeister nach der friedlichen Revolution war.
7 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 7.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Am Vormittag war ich beim PT-Seminar und schrieb viel Tagebuch.
Zum Mittagesse schaute ich kurz zu Johanna hoch, die aber mit Rando aß. Ich fuhr zu M/L und hoffte Koch ein paar deutliche Worte zu sagen, aber Koch war bei der Kreisparteisitzung.
Danach hatte ich ein gutes Gespräch mit Frauke Lietz. Sie erzählte von den Diffamierungen ihres Vaters, die wohl auch sie belasten und traurig machen – aber vielleicht ist es auch noch etwas anderes.
Bei Johanna dann ab 18.30 Uhr das Basigruppentreffen. Alle hatten wenig Zeit. Wir überlegten wieder, wo das Geld für die notwendige wirtschaftliche Erneuerung herkommen soll. Wir sind aber eigentlich auf Fachleute angeweisen, die aber oft auch Fach idioten sind. Alle belastet zur Zeit die Sorge über die Kleinstadt, die uns jetzt alle 24 Stunden verläßt und unsere Hoffnung für diese Land immer unwahrscheinlicher macht. Zum Glück dürften unter diesen 10.000 keine Freunde mehr sein, da es nur noch “Wirtschaftsflüchlinge” sind.”
Ende des Auszugs aus dem Tagebuch von 1989
Erläuterung:
In den Tagen zuvor war das neue Reisegesetz im Neuen Deutschland veröffentlich worden – ich habe es in meinem Tagebuch nichtmal erwähnt, weil wir auch damals keinen wirklichen Fortschritt in diesem Gesetz gesehen haben. Für mich selbst ist an diesem Tagebucheintrag interessant, dass offensichtlich in der Zeit zwischen den Botschaftsflüchlingen von Prag und Warschau (September) und dem 9. 11. die DDR-Grenzen nicht mehr wirklich abgeschottet waren. Die DDR-Grenze war über die Tschechoslowakai und Ungar durchlässig geworden. Legale Urlaubsreisen waren in Richtung Ungarn inzwischen allerdings kaum noch möglich.
Die wirtschaftliche Lage in der DDR war erkennbar hoffnungslos. Die Einheit war noch keine Option. Noch zur Volkskammerwahl im März 1990 vertrat Bündnis 90 (Listenvereinigung aus Neuenm Forum, Demokratie Jetz und der Initiative für Frieden und Menscherechte) die Idee, der Westen müsse 900 Mrd. DM an die DDR zum Aufbau eines eigenständigen Staates DDR überweisen. Die nachvollziehbar, aber unrealistische Begründung: Die Schuld des 2. Weltkriegs hatte ganz Deutschand zu tragen. Während sich die Westmächte für den wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Besatzungszonen engagierten, musste der Osten die berechtigten Reparationsleistungen an die Sowjetunion leisten, die eigentlich aus einer gesamtdeutschen Schuld resultierten. Einen Teil dieser Repartionsleistungen des Ostens sollte der Westen anerkennen und mit Zinsen dann an den Osten überweisen.
Das Thema Geld spielt auch heute in der Kommunalpolitik eine alles überragende Rolle – aber wir jammern jetzt auf deutlich höerem Niveau ;-).
6 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 6.11.1989 (Johann-Georg Jaeger):
“Gegen 9 Uhr stand ich auf, heizte, brachte meine Wohnung auf Vordermann und erwartete dann die Leute des Sprecherates zur Vorbesprechnung. Es kamen dann erstaunlich viele: Andreas + Vater Lichtenstein, Christoph Kleemann, Romy Noack, Horst Denkmann, Harald Terpe, Kay Trottnow, Conny Kühn und Dietlind Glüer. Harald Terpe und Horst Denkmann verlasen ihre verfaßten Reden und wir entschieden uns für Haralds. Christoph verlaß zwei Anträge (auf Zeitung und das Ständehaus), die wir sofort bejahten. Mit Harlad schrieb ich dann seine Rede mit der Schreibmaschine ab.
Zu 9. saßen wir dann in der Stadtverordnetenversammlung um kamen uns so ein bißchen wie die Fraktion der Grünen vor. Allerdings griffen viele unserer Vorredner unsere Positionen auf- wir kamen uns streckenweise fast etwas überflüssig vor. Nach der ersten Pause kam dann unser Beitrag, der ja auch im Radio und Fernsehen übertragen wurde. Conny und Harald teilten sich die grundsätzliche Stellungnahme. Dann verlas Harald noch eine kurze Erklärung zu einem Zeitungsartikel über die Vermutungen, daß Angehörige der Bepo wegen Befehlsverweigung bestraft wurden. Dann noch ein paar kurze Bemerkungen zum Diskussionspapier der Stadtverordnetenversammlung. Romy verlaß dann den 2. Antrag. Im Foyer verteilten wir unser Diskussionspapier – zwei junge Männer hatte die Ankündigung im Radio gehört und waren gleich zur Kongreßhalle gefahren.
Ab 17.30 Uhr saßen wir noch bei Rainer Ohff im Sprecherrat zusammen (nur H. Denkmann fehlte). Wir sprachen über das Bürgerkomitee für die Demos, das neue Strategiepapier, Gerd Autrum, die Teilnahme am 11. in Berlin, über die Bildung einer neuen Strategiegruppe (jetzt Strukturgruppe) und eines Zeitungskreises (diesen wird Christoph anleiern).”
Ende des Auszugs
Erläuterung:
Die Stadtverordnetenversammlung fand in der Rostocker Sport- und Kongreßhalle statt. Mit den 9 Leuten waren wir eine kleine Gruppe innerhalb der Versammlung. Relativ weit hinten hatte man uns einen Tisch zugewiesen. Die Forderung nach dem Ständehaus als Büroräume für das Neue Forum wurde wirklich ernst genommen, was mich damals selbst erstaunte, weil die Volksmarine dort ihren Sitz hatte und das Haus viel zu groß war. Wenig später bekamen wir tatsächlich im Ständehaus einen Raum, der nach dem NEUEN FORUM Büro als Umweltberatungszentrum genutzt wurde. Wir zogen dann vom Ständehaus in die Ernst-Barlach-Straße 2 um. Dies wurde dann das “Haus der Demokratie” – heute hat dort die IHK ihren Sitz.
Dass ich damals die NF-Gruppe in der Stadtverordnetenversammlung als “grüne Fraktion” sah, zeigt schon eine gewisse poltische Präferenz. Harald Terpe sitzt heute in der BÜNDNISGRÜNEN Fraktion im Bundestag und Harald und ich sitzten auch in der Rostocker Bürgerschaft in der Grünen Fraktion.
6 November 2009 von Johann-Georg Jaeger
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Auszug aus dem Tagebuch vom 9. Oktober 1989 (Johann-Georg Jaeger)
“Ich stand schon gegen 8 Uhr auf / Gespräch mit Probst Günther / Bücher ausgesucht / Anruf im Museum (Montag geschlossen) und Zuhause / 14.20 Uhr Abfahrt nach Rostock/ 18-22 Uhr Andachtsvorbereitung und andenken des ständigen Gebetes. Diesmal kam ich mit meinen Postkarten für die Inhaftierten durch. Bei Mirijam sahen wir die Tagesthemen – große Erleichterung. 70.000 demonstrierten friedlich in Leipzig! In 4 Kirchen gab es Fürbittandachten. Durch den Stadtfunk wurde die Erklärung von 3 Bezirkssekretären der SED und Kurt Masur verlesen. – Gefühl der Erleichterung.”
Ende des Tagebuchauszugs
Erklärung:
Nach den Bildern von prügelnden Polizisten in Berlin am 7. 10. war die Sorge groß, dass die Situation am 9. 10. in Leipzig eskaliert. Der Anruf im Museum galt Johannes Beleites, einem Freund, der in Leizig lebte und in einem Museum arbeitete – die Sorge war also sehr konkret.
Aber der eigentlich Anlaß für diesen Blogeintrag ist die Rede von Werner Schulz am 9. 10.2009 in Leipzig, die ich mir gerade angesehen habe. Sie dauert 20 Minuten und lohnt wirklich: http://www.mdr.de/damals/09oktober89/6766265.html